Vernehmung Adolf Hitlers vor dem bayrischen Volksgericht am 26. Februar 1924 (Auszüge)

1. Verhandlungstag: Dienstag, den 26. Februar 1924, vormittags 8½ Uhr. 

[…]

Wir schreiten nun zum Verhör des Angeklagten Hitler. 

Die Frage des Vorsitzenden, ob er sich vernehmen lassen wolle, beantwortet Adolf Hitler mit

„Jawohl“.

Den Aktenvortrag des Vorsitzenden ergänzt, bezw. berichtigt Adolf Hitler in folgenden Punkten:

Angekl. Hitler:

Als ich im Jahre 1912 nach München kam, geschah dies nicht zu meiner Ausbildung (als Architekturzeichner); ich war bereits selbständig. Ich mußte mir aber selbst mein Brot verdienen, um mich weiter ausbilden zu können zum Baumeister.

An Kriegsverletzungen habe ich erlitten eine Granatsplitterverletzung am linken Oberschenkel und später eine Gasvergiftung. Es handelte sich hierbei um eine Vergiftung durch deutsches Gelbkreuzgas. In der Nacht vom 13. auf 14. Oktober [1918] ist der gesamte Ypernbogen zum erstenmal mit deutschem Gelbkreuzgas, das die Franzosen und Engländer wahrscheinlich im Laufe des Rückzugs am 8. August erbeutet haben, beschossen worden. Die Vergiftung äußerte sich in einem Abfallen der Haut, in Bluthusten und in einer schweren Zerstörung der Netzhaut. Ich war zunächst vollständig erblindet und glaubte nicht, jemals wieder das Augenlicht zu bekommen. Drei Kameraden von mir sind sofort gestorben, andere sind erblindet für immer. Bei mir hat sich im Laufe der Behandlung die Sache soweit gebessert, daß ich bei der Entlassung aus dem Lazarett wenigstens eine große Überschrift lesen konnte. Aber daß ich jemals eine Zeitung lesen könne oder überhaupt noch normal lesen könne, war nicht zu hoffen. Mit Rücksicht auf meinen Beruf, der die besten Augen erfordert, mußte ich damals als erwerbsunfähig gelten.

Vorsitzender:

Sie sind als K.V. entlassen worden und sind im September 1919 als Bildungsoffizier ins Schützenregiment Nr. 19 gekommen. 

Angekl. Hitler:

Das Krankenblatt des Lazaretts in Pasewalk ist bereits unter der Revolution hergestellt worden. Um den Einzelnen hat man sich praktisch nicht gekümmert; wir sind rudelweise angetreten und wurden rudelweise abgeschoben. Beispielsweise habe ich mein Soldbuch nicht mehr bekommen, die Dokumente wurden zum größten Teil verschlampt; praktisch war die Revolution an der Küste seit 5. November [1918] eingetreten. Der gesamte Betrieb war so verludert und verlottert, daß von einer ordnungsgemäßen Behandlung überhaupt nicht mehr die Rede sein konnte.

Nach weiteren aktenmäßigen Feststellungen bemerkt der

Vorsitzende:

Man sagt auch, daß die Gründung der Nationalsozialistischen Partei in Deutsch-Österreich auf Sie zurückzuführen ist.

Angekl. Hitler:

Die Gründung der Nationalsozialistischen Partei in Deutsch-Österreich liegt bereits über 20 Jahre zurück; sie hat mit unserer gar nichts zu tun.

Hierauf wird die Verhandlung um 11 Uhr 53 Minuten auf nachmittags ½ 3 Uhr vertagt.

1. Verhandlungstag: Dienstag, den 26. Februar 1924, nachm. 2½. 

Vorsitzender, Landgerichtsdirektor Neithardt, eröffnet die Sitzung.

Vorsitzender: Ich ersuche Sie, Herr Hitler, eine Erklärung abzugeben über Ihre Einstellung und wie Sie zu der ganzen Sache gekommen sind.

Angekl. Hitler:

Hohes Gericht! Der Herr Landgerichtsdirektor hat heute vormittag aus meiner militärischen Dienstleistung erwähnt, daß ich die Führung „sehr gut“ bekommen hätte. Ich glaube, es ist vielleicht eigentümlich, daß ein Mann, der über 4½ Jahre, praktisch fast 6 Jahre gelernt hat, den Vorgesetzten zu achten, niemandem zu widersprechen, sich blindlings zu fügen, auf einmal in den größten Widerspruch, den es im Staatsleben geben kann, kommt, nämlich zur sogenannten Verfassung. Ich muß hier in meine Jugend zurückgreifen, da hier tatsächlich der Keim des Konfliktes zwischen mir und der heutigen Verfassung und den leitenden Stellen liegt. Ich bin persönlich als junger Mensch mit 16½ Jahren gezwungen gewesen, mir mein eigenes Brot zu verdienen. Mit kaum 17 Jahren kam ich nach Wien und dort habe ich drei Dinge gründlich kennengelernt: Einmal die soziale Frage. Ich habe zum ersten Mal dort das große Elend und die große Not breiter Schichten am eigenen Leibe gespürt. Zweitens das Rassenproblem in der Stadt, in der sich praktisch Osten und Westen mehr oder weniger treffen. In Wien kann man das Rassenproblem besser studieren als irgendwo in Deutschland, weil dort nach meiner politischen Überzeugung der größte Feind und Gegner der ganzen arischen Menschheit stärker und schärfer hervortritt, wie in München oder überhaupt im übrigen Deutschland. Drittens habe ich in Österreich kennengelernt die Bewegung, die auf einer bestimmten Rasse beruht und die große Not der breiten Massen ausbeutet, um auf diese beiden Fundamente gestützt eine Organisation aufzubauen, die in ihren Folgeerscheinungen zum Zusammenbruch des gesamten modernen Staates führen muß, die marxistische Bewegung. Ich kam nach Wien als Weltbürger und zog aus ihr  wieder fort als absoluter Antisemit, als Todfeind der gesamten marxistischen Weltanschauung. Ich ging nach München und habe mir hier das Brot verdient, bis der Krieg kam. Es war selbstverständlich, daß ich mich in den ersten Tagen der Mobilmachung dort als Soldat meldete, wo nach meiner Überzeugung das Schicksal der deutschen Nation ausgefochten wurde. Zu dieser deutschen Nation zählte ich auch den Splitter von zehn Millionen, der durch ein unseliges Schicksal von Deutschland abgetrennt war. Ich war der Überzeugung, daß das deutsche Schicksal auch für Deutschösterreich nicht ausgefochten wird in der österreichischen Armee, sondern in der deutschen Armee; demgemäß habe ich mich bei dieser zum Dienst gemeldet. Ich will gar nichts über den Krieg sagen. Nur meine Einstellung, die den ganzen Krieg gegenüber gleich blieb, will ich erwähnen. Ich war der Überzeugung, daß, wenn Deutschland in Zukunft nicht die innere Frage lösen würde und die Regierung nicht die Entschlossenheit und die Kraft aufbringt, den Marxismus richtig zu fassen, Deutschland mit zwangsläufiger Folge verloren wäre. Ich habe diese Überzeugung auch meinen Kameraden gegenüber, die später meine Anhänger geworden sind, oft betont, daß, wenn das marxistische Problem nicht zur Lösung kommt, Deutschland nicht den Sieg erringen kann, vielleicht sämtliche Opfer letzten Endes vergeblich sein werden. Tatsächlich konnte man auch im Winter 1916/17, wenn auch unter der Oberfläche, die ersten Erscheinungen des späteren Verfalls beobachten. Ich kam damals nach Bielitz ins Lazarett; da ist mir ein ganz kleiner Vorgang für immer im Gedächtnis geblieben.

Während wir an der Front bis dahin noch tatsächlich den absoluten Gehorsam kannten, war er in diesem Lazarett mehr oder weniger aufgelöst. Dieses Rätsel wurde mir auch blitzschnell gelöst. Als ich einmal dort ein militärisches Buch über eine militärische Wissenschaft liegen hatte, kam der Chefarzt. Ich hatte es vorher umgeklappt beiseite gelegt. Der Chefarzt, ein Dr. Stettiner, sagte: „Was lesen Sie da“. Er schlug das Buch auf, sah hinein und sagte dann: „Ich habe Sie für vernünftiger gehalten“. Zunächst war ich wie vor den Kopf geschlagen. Allerdings war Stettiner ein Jude. Es war mir schon eigentümlich, wie es kam, daß zahllose, sogar die größten Stänkereien ohne weiteres geduldet wurden und daß Leute, die längst hätten draußen sein müssen, weil sie gesund waren, im Lazarett blieben und dort weiter wühlen konnten. Ich sagte mir: Entweder ist die Führung des Lazarettes blind oder sie will nicht sehen, daß die Disziplin und der Gehorsam untergraben wird. Ich kam dann an die Front und schon 1917/18 konnte man die Folgeerscheinungen klar sehen. Als ich zum zweiten Mal in das Lazarett kam, konnte man auf der Bahnfahrt nichts anderes als vom Handeln und Tauschen hören und im Lazarett wurde von der Revolution gesprochen. Am 5. und 6. November [1918] kamen dann von Stettin Matrosen auf Lastkraftwagen und ging dann die Revolution an. Ich lag gebrochen mit großem Schmerz da, obwohl ich nicht angegeben habe, wie es mir war; denn es war mir widerlich, zu heulen in einer Zeit, wo man fühlte, daß es zum Zusammenbruch käme. Als dann am 7. [November 1918] verkündigt wurde, daß in München die Revolution ausgebrochen sei, konnte ich es zunächst nicht glauben. Aber am 9. November [1918] wurde es mir klar, und in dieser Nacht entstand mein Entschluß: Das große Schwanken in meinem Leben, ob ich mich der Politik zuwende, oder ob ich Baumeister bleibe, nahm ein Ende. Ich habe mich in dieser Nacht entschlossen, daß, wenn ich das Licht wiederbekäme, ich mich der Politik zuwenden würde. Ich habe mich sofort umgesehen, daß ich nach München kam und bin auch wenige Wochen später in München beim Ersatzbataillon gewesen. Die weitere Entwicklung war verhältnismäßig einfach.

Ich habe die Räteperiode mitgemacht und kam infolge meines Widerstandes in der Räteperiode zur Kenntnis meiner Vorgesetzten und in die Untersuchungskommission des Infanterieregimentes II. Hierbei kam ich in Berührung mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Damals hieß sie noch Deutsche Arbeiterpartei. Die Bewegung besaß sechs Mitglieder, ich war das siebte.Warum ich mich der neuen Bewegung angeschlossen habe und nicht einer der bestehenden großen Parteien, wo meine persönlichen Chancen wohl größer gewesen wären – denn das Unternehmen war nach dem Urteil aller meiner Freunde lächerlich, mich als Siebter einer Gruppe von sechs Handarbeitern anzuschließen, als gewöhnlicher Soldat zu gewöhnlichen Schlossern zu kommen, es erschien das den meisten als ein Hirngespinst –, das hat seinen Grund darin, weil die bisherigen Parteien das ganze Problem, an dem Deutschland zugrunde gehen wird, wenn es dasselbe nicht löst, nicht erkannten, nämlich die marxistische Bewegung

Sie ist in meinen Augen die Lebensfrage der deutschen Nation. Unter Marxismus verstehe ich eine Lehre, die prinzipiell den Wert der Persönlichkeit ablehnt als schaffendes und schöpferisches Fundament der menschlichen Natur, als treibendes und wirkendes Element der menschlichen Geschichte, Politik usw., und dessen Auswirkung auf wirtschaftlichem Gebiete das Privateigentum ist. Indem die marxistische Bewegung an Stelle der Person die Zahl setzt, an die Stelle der Energie die Masse, zerstört sie das Fundament des gesamten menschlichen Kulturlebens usw. Wo diese Bewegung praktisch zur Geltung kommt, muß sie die menschliche Kultur zugrunde richten.

Tatsächlich hat diese Bewegung mit zwei ungeheuren Instrumenten gearbeitet: Auf der einen Seite mit einer ungeheuren Massenpropaganda, mit einer Massenbeeinflussung. Das Bürgertum kennt den Marxismus nicht, weiß nicht, daß der kleine Junge, der aus der Schule kommt und in die Lehre gebracht wird, dadurch letzten Endes dem Staat und der Gesellschaft entfremdet wird und, wenn das konsequent so fortgesetzt wird, bald reif wird, als Lehrling in die Gewerkschaft einzutreten, wie er dann weiter sich immer mehr entfernt von seinem Volke, sich ausschließlich auf die Handarbeit stützt, grundsätzlich das geistige Element als Bourgeoisie ablehnt, und daß diese Lehre zu einem Riesenorganismus im Staate führen muß, zu einem Staate der brutalen Faust gegen Genialität und Wissen. Durch diese Lehre wird es möglich, daß ein Mensch von dreißig bis vierzig Jahren zu einem Todfeind seines eigenen Bruders werden kann, daß er seine eigenen deutschen Blutsgenossen als Todfeinde und Klassenfeinde bezeichnet, während er unsere wirklichen Feinde, die Engländer, Franzosen, ja selbst die ihm völlig rassenfremden Hottentotten als Bruder empfindet.

Das zweite Instrument dieser Bewegung ist ein unerhörter Terror. Keine Bewegung hat mit so gründlicher Kenntnis die Züge der Massen bearbeitet, wie die marxistische Bewegung. Sie weiß, daß die Masse Respekt besitzt vor der Kraft und Entschlossenheit, und sie hat an die Stelle der Schwäche der Bürgerlichen und ihrer Unentschlossenheit die brutale Macht und den brutalen Willen gesetzt, hat rücksichtslos den einzelnen niedergezwungen und die Arbeiter vor die Alternative gestellt: Entweder Du willst mein Bruder sein oder ich schlage Dir den Schädel ein.

Ich habe diese Bewegung kennengelernt in meiner Jugend in diesen beiden Auswirkungen. Die bürgerlichen Parteien kennen sie nicht oder wollten sie nicht kennen. Aus dieser Erkenntnis heraus mußte ich mich dieser jungen Bewegung anschließen, die sich nicht wie die bürgerlichen Parteien von vornherein auf den Standpunkt stellt: Wir wollen einmal sehen, daß wir uns mehr oder weniger in die Zukunft teilen. Sondern diese Bewegung hat erkannt, die Zukunft Deutschlands heißt „Vernichtung des Marxismus“. Entweder gedeiht dieses Rassengift, die Massentuberkulose in unserem Volke, dann stirbt Deutschland an seiner kranken Lunge, oder aber sie wird ausgeschieden, dann kann Deutschland wieder gedeihen, früher nicht. Nur einer jungen Bewegung kann man dieses Prinzip einimpfen, das keine Kompromisse und keine Koalitionen verdreht, sondern grundsätzlich erklärt: Wir können mit dieser Weltanschauung niemals Frieden schließen; für uns ist Deutschland gerettet an dem Tag, wo entweder der letzte Marxist sich bekehrt oder niedergebrochen ist. Es gibt sonst keinen Mittelweg. Deutschland hat das nicht begriffen, besonders die bürgerliche Bewegung nicht. Deshalb kam es zu der fürchterlichen Katastrophe, die uns als die deutsche Revolution bekannt ist.

[…]

Am 7. November [1923] nachmittags habe ich die definitive und entscheidende Sitzung mit den Herren gehalten und dabei wurde nun endgültig der Termin des 8. November bestimmt und zwar aus folgendem Grunde: Kahr sollte, wie wir zufällig im letzten Augenblick erfahren hatten, am 8. November eine Versammlung abhalten. Das schien der gegebene Augenblick, um am leichtesten diese vollendete Tatsache zu schaffen und zwar war bestimmt, daß der Saal umstellt werden solle, daß Lossow, Kahr und Seißer herausgebeten würden zu einer Besprechung, ans Telefon oder irgend sonstwie, daß also der Saal nicht besetzt werden sollte und daß ihnen ganz kurz gesagt werden sollte: Exzellenz sehen die vollendete Tatsache; nun ziehen Sie die Konsequenz aus Ihren bisherigen Reden. Ein Zurück gibt es für Sie so oder so nicht mehr, für uns aber auch nicht mehr. Wir standen auf dem Standpunkt, daß das, was man Monate hindurch beraten hatte, entweder von Männern ausgeführt oder von Feiglingen verworfen würde. Außerdem wäre es schädlich für das Vaterland, und schädlicher als das Weiterregieren des heutigen Regiments in Deutschland kann überhaupt gar nichts sein; denn es hat Deutschland in den fünf Jahren weiter zurückgeworfen in seiner Entwicklung und seiner Größe, als 50 Jahre, als Jahrhunderte früher, weiter selbst als der dreißigjährige Krieg, der kaum diesen Zusammenbruch herbeigeführt hatte, wie dieses fünfjährige Regiment, insofern dieser Zusammenbruch ausschließlich kam auf Grund unserer eigenen Charakterlosigkeit.

[…]

Der Vorgang selber war ganz kurz folgender: Ich begab mich um 8 Uhr in den Bürgerbräukeller. Der war außen von einer großen Menschenmasse umlagert und ich dachte im ersten Augenblick, daß vielleicht die Sache irgendwie zur Kenntnis der Polizei gekommen wäre. Ich sah ein großes Polizeiaufgebot, auch marschierte von der Brücke ein großes Polizeiaufgebot herauf und ich wußte, daß unsere Stoßtrupps zum Teil in Personenautos ankamen. Ich mußte mir sagen, daß bei dieser Menschenmasse das Ankommen dieser ersten außerordentlich erschwert sein würde. Ob die Polizei eine Ahnung hatte von dem Vorgang, konnte ich zunächst nicht feststellen. Ich ging auf alle Fälle hinein und ließ meinen Begleiter, Herrn Graf, der von der Sache gar nichts wußte, zurück und sagte ihm bloß: Wenn der Stoßtrupp kommt, gehen Sie in die Vorhalle und erwarten Sie mich. Ich werde in der Vorhalle sein. Ich ging hinein und sah, daß der Saal maßlos überfüllt war. Ich wurde hineingelassen, da die Polizeibeamten mich kannten. Ich mußte mir sofort sagen, bei dieser Überfüllung ist es gänzlich ausgeschlossen, daß man die Herren herausbitten kann. Man konnte nicht einmal vorkommen bis zu dem Tisch; denn es war vorher bestimmt, daß auch ich mich vorher an den Tisch beim Podium setzen sollte. Dann sollten die Herren gebeten werden hinauszukommen, und ich sollte nachkommen. Das war nun ganz unmöglich. Es konnte kein Mensch hereinkommen, selbst nicht unter Anwendung der Ellenbogen. Ich ging sofort aus dem Saale wieder hinaus – die Rede des Herrn von Kahr war an und für sich unverständlich. Man hatte nun das Gefühl, daß so, wie die Dinge jetzt lagen, unter Umständen eine Erschwerung eintreten konnte. Ich ging in die Vorhalle und sagte zu Scheubner, er möge sofort zu Ludendorff fahren und ihn in Kenntnis setzen. Falls Ludendorff nicht kommen wolle, bitte ich, mich anzutelefonieren. Ich würde dann persönlich hinausfahren. Ich hielt es aber für ausgeschlossen, daß Ludendorff es nicht tun würde, wenn ich ihn persönlich bitte.

Scheubner ging dann hinaus, kam aber zurück und erklärte, draußen stehe alles voll Menschen. Ob die Stoßtrupps ankommen, ist eine große Frage. Ich ersuchte einen Polizeibeamten, er möge die Straße räumen lassen, da sonst im Saale Unruhen entstehen konnten. Der Polizeibeamte ließ auch die Straße räumen. Ich ging dann hinein und kam um 8 Uhr 30 Minuten in die Vorhalle. Dort habe ich vier Minuten gewartet; dann kamen die Stoßtrupps an. Ich besetzte dann mit einer Handvoll Leute die Vorhalle. Mit drei Mann ging ich dann hinein, habe die Pistole herausgezogen. Es ist doch selbstverständlich, daß man da nicht mit einem Palmwedel hineingehen kann. Ich sagte zu meinem Begleiter Graf: „Passen Sie auf, daß wir nicht von rückwärts angeschossen werden“. Es waren 58 Offiziere da, da konnte leicht einer, der die Geistesgegenwart besaß, mich niederschießen. Von einem Anschlagen von rückwärts bis nach vorn auf Kahr konnte keine Rede sein, weil ich mir mit Ellbogen und Fäusten Platz machen mußte. Die Pistole hielt ich im Gedränge in der Luft. Daß ich auf Kahr die Pistole nicht angeschlagen habe, geht daraus hervor, daß Kahr in seiner Umgebung mir nicht als die fürchterliche Person erschien, die nur mit zwei Maschinenpistolen und einer Handgranatenpistole hätte in Schach gehalten werden können.

Kahr stand auf dem Podium und trat außerordentlich zitternd und bleich zurück. Wenn mir vorgeworfen wird, daß ich pathetisch aufgetreten wäre, so muß ich darauf hinweisen, daß der Saal mit 5000 Personen gefüllt war, die nicht aus meinen Anhängern, sondern fast entgegengesetzt eingestellten Männern bestanden, und daß dort große Unruhe herrschte. In diesen drangen drei Mann mit einem Zivilisten an der Spitze ein. Unter solchen Umständen kann man auf andere Weise keine Ruhe schaffen. Ich habe mir in Hunderten von Versammlungen unter kritischeren Umständen Ruhe verschafft. Ich wußte  genau, welche Methode ich dabei anwenden mußte und hatte mir auch tatsächlich innerhalb 20 Sekunden Ruhe verschafft dadurch, daß ich einen Pistolenschuß abgab. Ein Herr allerdings, der seine Rede abliest vom Konzept, das ein anderer verfaßt hat, kann das nicht verstehen.

Ich ging dann sofort herunter und wollte die Herren Kahr, Lossow und Seißer herausbitten. Da trat mir ein Offizier entgegen. Wie ich später erfuhr, war das ein Herr Major Hunglinger. Der hatte seine Hand in der Tasche stecken, so daß ich das Gefühl hatte, er ziehe eine Pistole. Diesem habe ich die Pistole an die Stirne gehalten und erklärt: „Nehmen Sie Ihre Hand heraus“. Mir hat niemand dabei die Hand weggedrückt. Hunglinger hat die Hand herausgezogen und ich habe dann die Pistole wieder abgesetzt. Ich habe dann die Herren Kahr, Lossow und Seißer gebeten, herauszukommen unter der Zusicherung, daß ich für ihre Person und Sicherheit vollkommen garantiere.

Ich führte dann die Herren hinaus in die Vorhalle; dort war eine Reihe blauer Polizei [Anm.:Die Polizei Münchens trug blaue Uniformen, die Landespolizei Bayerns grüne Uniformen], von uns 6-8 Mann. Ich habe dann die Vorhalle räumen lassen und die Herren hereingeführt. Ich habe schon in Hunderten von Versammlungen gesprochen und kann sagen, daß ich immer Herr meiner Sinne war. Ich war es an diesem Tage genauso. Wenn man erklärt, ich hätte mit der Pistole herumgefuchtelt, hätte gewissermaßen einen Veitstanz aufgeführt, so ist das insofern vielleicht richtig, als bekanntlich Menschen, die Alkohol trinken, es oft erscheint, als ob die Bäume tanzten, während diese Erscheinung nur ein innerer seelischer Vorgang bei ihnen selbst ist.

Kahr war geknickt und gebrochen, so daß er mir leid tat; noch mehr leid taten mir Seißer und von Lossow, daß ich zwei Offiziere aus dem Saale führen mußte. Ich habe die deutschen Offiziere in einer Zeit verteidigt, da die Herren nicht in Uniform auftraten. Ich habe die Leute immer aufgefordert: „Schimpft nicht über die deutschen Offiziere“. Da bin ich oft niedergebrüllt worden. Es tat mir weh, deutsche Offiziere, insbesondere Seißer, den ich hochgeachtet habe, denn er war ein absolut mutiger Mann, so herauseskortieren lassen zu müssen. Darüber habe ich mich auch sofort entschuldigt und sagte: „Bitte, verzeihen Sie, daß ich so vorgehen muß, aber es bleibt mir kein anderes Mittel. Die Sache ist jetzt gemacht. Es gibt kein Zurück mehr“.

Die paar Sätze, die man der Öffentlichkeit übergeben hat, sind gefälscht und auch teils aus dem Zusammenhang gerissen. Wenn ich sonst nichts gesagt hätte, dann hätte die Unterhaltung nicht länger als zwei Minuten gedauert. Es ist doch logisch, daß diese paar Sätze aus dem Zusammenhang gerissen oder teils erfunden sind. Exzellenz von Kahr soll erklärt haben: Leben oder Nichtleben, Sterben oder Nichtsterben ist mir einerlei. Herr von Kahr stand in diesen Minuten nicht in Heldenpose dar. Ich versicherte ihm noch einmal, daß für sein Leben nicht die geringste Gefahr bestünde. Da sagte Kahr, er fürchte das auch nicht, denn Leben oder Nichtleben sei ihm einerlei. Ich habe Kahr zur Antwort gegeben, indem ich auf die Pistole hinwies, die ich in der Hand hatte, und zwar lächelnd: „Es sind 5 Schuß darin: vier für die Verräter, und wenn es schief geht, einer für mich“.

Ich habe Graf die Pistole gegeben zum Laden für die abgeschossene Patrone. Die Herren wurden nicht bedroht, im Gegenteil: Mir persönlich wäre eine solche Bedrohung lächerlich erschienen; nach dem Vorausgegangenen war hierfür kein Grund vorhanden. Was hätte es denn auch für einen Zweck gehabt. Ich kann doch nicht immer hinter den Männern sein, wenn sie ihr Wort nicht halten wollten. Ich habe die Herren nur daran erinnert, was sie mit uns gesprochen haben und gebeten, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich habe gesagt: „Ein Zurückgehen gibt es nicht mehr. Auch Sie gehen mit der ganzen Sache zugrunde“, wobei ich voraussah, daß sie mit uns ins Gefängnis kommen würden, wenn die Sache zugrundeginge. Eine Meinung, die ich jetzt allerdings korrigieren muß.

Ich bat die Herren, die Ämter zu übernehmen. Kahr brachte praktisch folgenden Einwand. Er sagte: „Ja, aber zu der Sache muß man doch auch eine innere Freude haben und nach den Vorgängen, wie ich herausgeführt wurde, werden die Leute nicht glauben, daß ich das von mir aus tue. Sie haben mir ja nicht einmal meine Rede zu Ende halten lassen“. Ich sagte, ich habe ja nicht geahnt, daß Ihre Rede so lange dauert. Mir wurde gesagt, daß die Versammlung punkt 8 Uhr 30 Minuten zu Ende wäre. Und deshalb habe ich mich auf diese Zeit eingestellt. Ich hätte auch um 8 Uhr 45 Minuten kommen können. Ich konnte nicht annehmen, daß Ihre Reden länger dauerten; aber ich konnte auch unsere Leute am Saaleingang nicht mehr halten; ich kann nichts dafür. Die Einwände des Herrn von Lossow waren folgende:

„1.) Ist die Sache auch im Norden losgegangen? 2.) Ist auch Ludendorff bereit“?. Ich erklärte ihm, daß im Norden nichts losgegangen sei und daß Ludendorff verständigt wäre. Er könnte jeden Moment kommen, sonst hätte mich Scheubner schon antelefoniert. Tatsächlich sind die Herren dann auch eingetroffen. Es kam dann Weber und Pöhner in den Raum, nicht nach Ludendorff, sondern vor Ludendorff. Diese haben dann auf die Herren eingesprochen. Ich ging dann hinaus und überzeugte mich, daß die gesamten Stoßtrupps angekommen waren. Dann ging ich wieder hinein. Da aber Kahr erklärte, er fürchte, daß die Vorgänge im Saal unrichtig aufgefaßt werden könnten, habe ich zu ihm gesagt: „Bitte, wenn Sie Bedenken haben, bin ich bereit, in den Saal zu gehen und zu sprechen. Ich werde im Saale vorschlagen, daß Herr von Kahr die Ämter übernehmen wird, und es wird dann donnernder Beifall erfolgen. Man wird Ihnen das nicht übel ankreiden, im Gegenteil, die Leute erwarten das“.

Wenn ich ihn mit der Pistole bedroht hätte, dann wäre keine Notwendigkeit vorgelegen, in den Saal zu gehen. Ich ging also in den Saal und erklärte kurz, daß im Vorzimmer Entscheidung darüber getroffen werde, ob Herr von Kahr, Lossow und Seißer bereit wären, die neue Regierung anzunehmen. Ich erklärte, daß die Herren mit ihrem Entschluß ringen und daß ich es für notwendig halte, daß sich die Versammlung entscheide, ob sie mit der vorgeschlagenen Lösung einverstanden ist und ich schlug dann die Lösung vor. Im Saale entstand ein unerhörter Beifall, ein unerhörter Sturm. Ich ging hinaus und sagte: Exzellenz von Kahr, Sie dürfen beruhigt sein, Sie brauchen sich nicht zu schämen vor den Leuten. Wenn Sie hineinkommen, werden Sie nicht ausgespottet, im Gegenteil, man trägt Sie auf den Schultern hinein.

Unterdes kam Ludendorff. Ich ging sofort hinaus und wollte ihn verständigen. Er gab mir aber keine Antwort, sondern ging sofort hinein, frug mich, ich glaube, ganz kurz, ob die Herren von seinem Kommen verständigt seien. Ich sagte ja. Er ging dann hinein und erklärte den Herren, daß er genauso überrascht sei, daß ihm Dr. Scheubner die Mitteilung gebracht hätte, daß aber nun ein Entschluß gefaßt werden müßte, so oder so. Er halte für sich dafür, daß der einzige Entschluß der wäre, die Sache so, wie man sie besprochen habe, in die Tat umzusetzen. Er hat aber den Herren gar keinen Zweifel darüber gelassen, daß das nur möglich wäre mit Kahr, Lossow und Seißer, er hat sie nicht, wie die Herren später erklärten, selber auch gewissermaßen vor eine vollendete Tatsache gestellt, sondern im Gegenteil, Ludendorff hat bis dahin mir und den anderen gegenüber gar keine Erklärung abgegeben, sondern hat bloß mit den Herren gesprochen und erklärt, seiner Überzeugung nach gebe es nur eins, jetzt die Entscheidung zu treffen, die auf Grund des Besprochenen allein übrig bliebe.

Ludendorff hat dann mit Lossow und Seißer ganz kurz gesprochen. Ich muß gestehen, sowohl Lossow als Seißer waren zum Schluß sehr ergriffen, beide Herren hatten Wasser in den Augen und endlich sagte Lossow zu Ludendorff: Gut, Exzellenz, Ihr Wunsch ist mir Befehl, und reichte ihm die Hand. Es war ein Augenblick, in dem alles ruhig war. Dann trat Seißer hin, ebenfalls aufs tiefste ergriffen, reichte ihm ebenfalls die Hand. Und dann redete er noch mit Kahr, und Kahr sagte schließlich: Gut, aber sehen Sie, Sie werden begreifen, wir sind doch alle, wie wir hier im Saale sind, Monarchisten – so genau wörtlich. Ich kann die Landesverweserschaft nur annehmen als Statthalter des Königs.

Mir persönlich kann das vollständig gleich sein; für mich existiert die Revolution des Jahres 1918 zunächst nicht. Sie muß erst legalisiert werden. Man möge nicht eine Volksabstimmung machen über Verfassungsänderung, sondern über die Gutheißung der Revolution des Jahres 1918. Dann würde man eine Antwort bekommen, die anders ausfällt als wie bei jeder anderen Abstimmung, und sie wird vielleicht auch kommen. Kurz und gut, bei mir war die Frage nicht die, ob etwa die Monarchie proklamiert werden müsse oder nicht, sondern ob die Revolution des Jahres 1918 anerkannt wird oder nicht. Es bleibt sich deshalb ganz gleich, ob sich ein Landesverweser zum Schluß als Hüter der Republik oder der Monarchie fühlt. Das Wesentliche ist, daß er das Gefühl hat, Statthalter zu sein, d.h. Platzhalter für eine später erst zu treffende definitive Entscheidung.

Wir haben deshalb Herrn von Kahr gesagt: Exzellenz, bitte, dem steht gar nichts im Wege. Im Gegenteil, ich erklärte ihm noch: Wenn ich heute diesen Schritt tue, dann tue ich ihn nicht zum mindesten aus dem Gefühl heraus, um das Unrecht gut zu machen, das in meinen Augen zum bittersten gehört, was es geben kann, daß vor fünf Jahren Leuten, die am deutschen Volke kein Verbrechen begangen haben, einfach die Kronen auf schmählichste Weise vom Haupt heruntergerissen wurden, ohne daß das Volk gefragt wurde, und daß diese Exekution vollzogen wurde von dem Auswurf der Nation, nicht von der Armee und auch nicht von der Heimat, sondern von dem elendesten Lumpengesindel, von Deserteuren und dem ganzen Mist, den Deutschland damals hatte.

Ich habe das immer anerkannt und habe es immer als unerhört empfunden, diesen Zustand als legal zu betrachten. Ich habe deshalb Herrn von Kahr gesagt: Wir werden sofort dafür sorgen, daß auch Se. Kgl. Hoheit Kronprinz Rupprecht verständigt wird, daß die Revolution sich nicht gegen ihn richtet, sondern im Gegenteil, daß sie nichts weiter sein soll, als die Abrechnung mit den Novemberverbrechern. Das ist ihr ausschließlicher Zweck. Was auf Grund dieser Abrechnung kommt, möge dann eben die Zukunft entscheiden. Das ist nicht unsere Aufgabe.

Kahr war danach aufs tiefste ergriffen und willigte ein, und nicht nur das, er ging zu mir hin, reichte mir beide Hände und sah mir ganz ergriffen lange in die Augen. Ich habe gesagt: Exzellenz! Ich habe gegen Sie persönlich als Mensch nie etwas gehabt. Er gab mir zur Antwort: Sie wissen, wie ich persönlich zu Ihnen immer stand. Er konnte nicht weiter reden, weil ihm das Wasser in die Augen trat, und ich konnte nur sagen: Exzellenz, ich versichere Ihnen, daß ich ab jetzt treu wie ein Hund hinter Ihnen stehen will. Sie sollen sich nicht beklagen, daß ich Ihnen jemals die Treue breche.

Herr von Kahr hatte noch das eine Bedenken, daß es im Saale nicht richtig empfunden würde, wenn er hineinkomme. Ich sagte: Nein, im Gegenteil. Man würde im andern Fall nicht glauben, daß tatsächlich diese in meinen Augen glückliche Lösung erfolgt ist. Sie müssen in den Saal hinein und von sich aus frei erklären, daß diese Lösung erfolgt ist. Die Vorgänge im Saal hat die Ausgabe der Münchner Neuesten Nachrichten fast wortgetreu geschildert, mit Ausnahme einer kleinen Korrektur der Rede des Oberst von Seißer, die vermutlich aus außenpolitischen Gründen erfolgte, die aber jetzt wohl nicht mehr stichhaltig sind. Schon aus diesem wortgetreuen Bericht geht für den, der objektiv die Sache prüfen will, eines hervor: Wenn man später die Sache so darstellte, als ob wir gewissermaßen betrunken, halb zwischen Maßkrug und Pistole hin- und herschwankend, eine Erpressung verübt hätten, dann hätte im Saale nicht diese Wirkung entstehen können; denn wenn man den ganz sicherlich objektiven Bericht dieser Zeitung liest, wird man eines sehen: So können Leute, die mit dem Maßkrug hantieren, wahrhaftig nicht reden. Wir waren alle tief ergriffen wie kaum jemals zuvor. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich an sich kein Trinker, sondern fast Antialkoholiker bin, daß ich infolge der Trockenheit meiner Stimme hier Wasser, aber in einem Keller ab und zu Bier trinken muß, ist selbstverständlich. Aber das gemein zu verarbeiten, ist absolut unerhört. Die Stimmung war ungeheuer ernst und tief, und sie war meiner Überzeugung nach in dem Augenblick so redlich als sie nur sein konnte.

Als wir auf der Bühne standen, und Kahr gesprochen hatte, gab er mir zum zweiten Male die Hand. Ich kann nur das eine sagen: Ich habe ihm in dem Augenblicke vertraut, wie ich einem Bruder nicht inniger hätte vertrauen können. Das war bei allen der Fall; besonders bei Pöhner und Ludendorff, bei Pöhner, weil er so lange der Mitarbeiter Kahrs war, bei Ludendorff, weil er doch ein persönliches Verhältnis zu Lossow hatte. Es mußte besonders für Ludendorff unerhört erscheinen, daß ein Mann ein unter solchen Umständen gegebenes Wort widerruft, ja zum Schluß als Erpressung brandmarkt; denn wenn Kahr erklärt hätte, das tue ich nicht, dann wäre mir in dem Augenblick natürlich nichts übrig geblieben als die Konsequenzen zu ziehen, und ich wäre bereit dazu gewesen. Wenn ich sie später nicht zog, so war es nicht Feigheit oder Mangel an Bereitwilligkeit, für die Bewegung damals das letzte zu geben, sondern ebenfalls etwas, was ich gar nicht ahnen konnte. Ich hätte für mich die Konsequenzen rücksichtslos gezogen. Ich habe auch deshalb alle anderen Herren soweit als möglich fernzuhalten gesucht, um sie nicht persönlich damit zu belasten, um, wenn die Sache nicht glückte, allein auszuscheiden. Mir schien der Fall undenkbar, daß ein Mann, mit dem man ein dutzendmal über eine Sache redet und der sagt: Ich bin einverstanden, sehen Sie, daß Sie noch einige dazu kriegen, ich bin auch bereit dazu, wir machen die Sache miteinander – ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß dieser Herr nun in der Stunde, in der man ihm sagt, nun ist das der Fall, die anderen werden kommen, es gibt kein Zurück mehr, nun auf einmal erklärt: Jetzt tue ich nicht mit.

Was dann kam, war ja selbstverständlich. Ich erfuhr, daß in I/19 [= I. Bataillon des Infanterieregiments 19] ein Bataillon zurückgehalten würde – ich war unterdes wieder ins Nebenzimmer zurückgegangen. Ich fuhr mit Dr. Weber hinaus nach I/19 [= I. Bataillon des Infanterieregiments 19], um den Sachverhalt anzusehen und wollte zurückkehren. Unterwegs hatte ich das Wehrkreiskommando berührt, hatte dort die Leute kurz aufgeklärt, ebenso die auf der Straße marschierenden Truppen. Ich kam nun in den Bürgerbräukeller zurück und wollte Lossow mitteilen, daß bei I/19 [= I. Bataillon des Infanterieregiments 19] eine verhältnismäßig ganz kleine Zahl von Offizieren sich weigere, die Neuregelung anzuerkennen, und wollte Lossow veranlassen, ein Ultimatum zu stellen, und wenn dieses nicht angenommen würde, würden wir selbstverständlich hingehen, weil wir die Überzeugung hatten, daß die Mannschaft restlos auf Seite Lossows stünde und nicht auf Seite eines plötzlich auftauchenden Obersten oder Generalmajors. Es war selbstverständlich, daß, wenn Lossow den Befehl gibt, das erste Bataillon tritt an und gehorcht mir, das auch antritt, besonders, wenn das noch verstärkt wird durch die Person Ludendorffs, Pöhners, Seißers, und noch mehr die Person Kahrs in dem Falle.

Wir kamen also in den Bürgerbräukeller zurück. Unterdes waren Lossow, Seißer und Kahr fortgefahren. Ludendorff hatte nicht das geringste Bedenken, denn er hielt selbstverständlich ein Ehrenwort, das unter solchen Umständen gegeben wurde, für so sicher als tausend Geiseln oder irgend etwas anderes. Die Herren hätten ja ihr Ehrenwort nicht zu geben brauchen. Wenn die Herren sagen: Allerdings unter Pistolendrohung, so ist demgegenüber zu sagen, daß diese Pistolendrohung, wie sie selber zugeben, doch nicht mehr vorlag, als Ludendorff da war. Sie selber sagen, daß mit dem Erscheinen Ludendorffs sich plötzlich alles geändert habe, daß die Pistolen verschwunden seien, und sie sagen auch, daß sie sich dann erst entschlossen haben; mithin haben sie sich nach ihrer eigenen Behauptung nicht unter Pistolendrohung entschlossen, sondern nach ihren eigenen Angaben hat die Pistolendrohung nicht vermocht, sie zu beugen. Was wäre das auch für ein trauriges Zeichen: Zuerst haben sich auf unseren Standpunkt gestellt Lossow und Seißer; was wäre es für ein trauriges Zeichen, wenn ausgerechnet die beiden Schlachtenmänner sich einer Pistolendrohung fügen würden und hinterdrein erst der zivile Herr von Kahr.

Ludendorff hatte deshalb keinen Grund an der selbstverständlichen Treue der Herren zu zweifeln. Als die Herren fortgefahren waren, war es nun freilich nicht mehr möglich, eine Verbindung mit ihnen herzustellen. Man sagt nun allerdings: Ja, dann hätten Sie sich selbstverständlich sofort vorstellen müssen, daß die Herren umgefallen waren, da man keine Verbindung mit ihnen bekam. Nein; unser Gedanke war nicht, daß die Herren umgefallen seien, sondern, daß eine Verbindung mit ihnen deswegen nicht zu bekommen sei, weil diese Herren letzten Endes in die Hände ihrer Umgebung gefallen waren, also von der tatsächlichen Nichtbedrohung in eine wirkliche Bedrohung hineingeraten waren. Wir hatten restlos in dem Moment die Überzeugung, daß Lossow und wahrscheinlich auch Kahr und möglicherweise auch Seißer vor eine vollendete Tatsache gestellt wurden, daß sie unterdes plötzlich nicht mehr Herren ihrer Entschlüsse geworden und nun gezwungenermaßen sich auf einen
anderen Standpunkt stellen müßten.

Von diesem Gesichtspunkt aus müssen Sie auch unsere Versuche beurteilen, die Sache noch einmal zu wenden, denn wir mußten uns sagen, so wie die Dinge liegen, wird ein großer Umschwung der öffentlichen Meinung noch einmal eine Wendung hervorbringen. Wir waren überzeugt, daß wenn erst die breiten Massen ihr Votum abgaben, man auch an dieser Stelle erkennen werde, das ist ja der Wille des Volkes, das kann gar kein Staatsstreich sein, was die Massen so stürmisch wollen. Wenn die Menschenmassen auf den Straußen jubeln und schreien und niemand dagegen Stellung nimmt, und wenn die Leute aus den Fenstern die alten Fahnen herauszuhängen beginnen, dann war es uns nicht zweifelhaft, daß man sich schließlich doch sagen mußte, das ist ja gar kein Staatsstreich, sondern der Vollzug des Volkswillens in viel größerem Umfang, als 1918 der Kurt-Eisner-Zug der Vollzug des Volkswillens war. Das war ja bloß der Vollzug des Willens von Gaunern, Deserteuren, Zuchthäuslern usw.

Wir mußten uns sagen, daß die Offiziere in der Umgebung Lossows, die einst ohne Bedenken die alte Ehrenkokarde, unter der Tausende weithin gefochten hatten, von Livland, Lettland und Kurland und von der Ukraine bis hinunter zur Krim und bis hinaus in alle Gegenden des Weltmeeres, daß die Leute, die damals diese Kokarde leicht herunternehmen konnten, um eine andere hinaufzunehmen, daß die Leute wahrhaftiger Gott schon eine Übung hatten im Kokardenwechseln und vielleicht die alte Ehrenkokarde genau so gut wieder aufnehmen konnten, als sie einst eine andere, die schlechtere angenommen hatten, ohne Tradition, mit der einzigen Tradition des unseligen 8. November 1918. Das war der Grund, warum wir auch in diesem Augenblick noch hofften, daß eine Änderung möglich wäre.

Ludendorff fuhr ins Wehrkreiskommando, und ich fuhr nach. Ich habe versucht, eine Verbindung mit Kahr, Lossow und Seißer zu bekommen. Im Wehrkreiskommando haben wir die Lage kurz besprochen. Es lag dort die Meinung vor, daß die Herren ein Opfer der Vergewaltigung geworden wären. Man konnte es sich nicht anders vorstellen. Wenn mir auf Anruf von Lossow die Antwort verweigert worden wäre, nun gut! Dann wäre es erledigt gewesen, vielleicht auch bei Pöhner, obwohl dieser Mitarbeiter von Kahr war. Da hätte er zu ihm sagen können: „Herr Pöhner, ich kann nicht mehr oder ich tue es nicht“, um zu verhindern, daß der Mann noch größeres Unheil vollständig auf sich lädt. Er war unschuldig. Pöhner hatte an den Besprechungen, die Kahr, von Lossow und Seißer mit uns geführt hat, nicht teilgenommen. Bei Pöhner wäre man verpflichtet gewesen, ihn zu verständigen. Aber jedenfalls hätte man sich mit Herrn Ludendorff verständigen müssen, mit dem letzten, großen General Deutschlands, dem Quartiermeister des Weltkrieges.

Kahr hätte die Pflicht gehabt, zu Ludendorff zu sagen: „Exzellenz, ich kann es nicht tun; lehnen Sie es auch ab und sehen wir, daß wir die Sache beenden“. Herr Ludendorff hat ja sein Wort nur gegeben, weil die Herren Seißer und von Lossow ihr Wort gegeben hatten. Also diese beiden Herren hätte man jedenfalls verständigen müssen.

Gegen Morgen kam dann ein Offizier von I. 19 [= I. Bataillon des Infanterieregiments 19]. Aus dem konnte man nicht klug werden. Endlich kam der Oberst Leupold. Dieser gab an, daß man ihn verständigt hätte, wie von Lossow stehe. Er hat erzählt, was Lossow in einem Kreis von Offizieren erklärte. Wir kannten diese Offiziere. Wir wußten, das waren gerade die Herren, die vorher schon dem General von Lossow Opposition gemacht hatten, als er den Konflikt mit Berlin hatte. Wir wußten, daß diese Herren tatsächlich anderer Anschauung huldigten. Was kann da ein Wort für einen Wert haben, wenn ein Mann allein zwischen diesen demokratisch eingestellten Offizieren sitzt. Der Mann konnte ja nicht anders reden und einen anderen hätte man in diesem Kreis nicht zugelassen. Hätte Leupold erklärt, er habe von Lossow unter vier Augen gesprochen und der habe ihm das und das gesagt, dann wäre das etwas anderes gewesen. So aber war Lossow in einem Kreis von Leuten, die ihn nicht herausließen, sondern mehr oder weniger vor die Alternative stellten: Entweder – Oder!

Ein Kampf gegen die Reichswehr oder Polizeiwehr schied aus, denn der ganze Plan fußte ja darauf, mit diesen beiden Faktoren an der Spitze die Änderung herbeizuführen. Ohne diese war eine Änderung lächerlich. Solange wir nicht die absolute Überzeugung hatten, daß von Kahr, Lossow und Seißer aus innerer Überzeugung nicht mehr mitmachen wollten und auch das Volk uns abgelehnt hatte, hatten wir die Verpflichtung, zu versuchen, das durchzusetzen, was bei uns nicht ein Putsch war, um etwa den Ehrgeiz des Herrn Ludendorff zu befriedigen. Denn was kann ein Ludendorff gewinnen? Er kann nur verlieren! Sein Ruhm ist so fest begründet, daß er durch diese Aktion nicht größer wird. Er hat die größten Opfer gebracht, größere wie die Herren von Kahr, Seißer und von Lossow. Er war der einzige, der geopfert und nur zu verlieren hatte. Alle anderen hatten zu gewinnen. Es war also nicht Leichtsinn, daß wir am Morgen beschlossen, zu handeln. In dem Moment, da wir sahen, daß das Volk tatsächlich für uns eintrat. Und es tritt auch heute noch für uns ein und wird immer für uns eintreten. Unsere Gefängnisse werden zum Wecker des jungen geistigen Deutschland werden. Wir konnten nicht treulos werden. Wir mußten versuchen, es ohne die Leute zu wagen und ihnen noch einmal zu zeigen, daß, wenn sie auf ihrer Haltung beharrten, sie sich in den Gegensatz zur öffentlichen Meinung setzten, nicht aber zu der von Dieben, Gaunern und Zuhältern, sondern zu der der besten und redlichsten Deutschen, die noch da sind.

In dieser Überzeugung konnten wir nicht zurückgehen. Wir sind auch nicht aus Gründen der Vorsichtigkeit vom Wehrkreiskommando zurückgegangen. Wir fuhren, nachdem die Unterredung mit Leupold beendet war, augenblicklich hinüber in den Bürgerbräukeller. Ich habe verschiedenen Herren erklärt, daß Propaganda gemacht und versucht werden müsse, die öffentliche Meinung in großem Maße für die Sache zu gewinnen. Ich habe es streng unterlassen, eine Andeutung des Verrates zu machen, da es das Verheerendste gewesen wäre, wenn wir den Herren von Kahr, Seißer und Lossow Unrecht getan hätten. Wir hatten kein Recht, von Verrat zu reden. Wir hätten höchstens einen traurigen Wechsel zu beklagen gehabt.

Im Laufe des Vormittags kamen Ludendorff und die anderen Herren. Wir hatten im Bürgerbräukeller die Hauptmacht. Was an Unterredungen stattfand, das wird sich bei der Zeugenvernehmung herausstellen. Jedenfalls geschah nichts, was eine klare, positive Aufklärung geben konnte. Wir haben selbst vormittags um 11 oder 12 Uhr noch keine Mitteilung erhalten, was doch selbstverständlich gewesen wäre. Es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder die Sache aus München hinauszutragen, wenn wir es nicht zum Kampfe kommen lassen wollten, oder in München bleiben und noch einmal zu versuchen, die öffentliche Meinung zu gewinnen. Das erstere hätte aber Kampf bedeutet. Wenn eine geschlossene Macht von 4-5000 Köpfen in das Gebirge hinauskommt, dann wird der Kampf unausbleiblich sein, denn es treten Plünderungen ein. Die Leute müssen doch etwas zu essen bekommen. Es kommt der Hunger, der ist stärker als alle vornehmen Entschließungen. Das würde aber alles über den Haufen werfen. Besonders Herr Ludendorff stand auf dem Standpunkt, wir müßten noch einmal versuchen, selbst in die Stadt zu gehen, wenn es auch der letzte Zug wäre, und versuchen, die öffentliche Meinung auf unsere Seite zu bringen, abzuwarten, wie die öffentliche Meinung reagiert und wie die Herren dann auf die öffentliche Meinung wieder reagieren, ob sie gegen das ganze Volk, das sich aufbäumt, wagen, mit Stacheldraht, Maschinengewehr und Handgranaten vorzugehen.

Es ist also der Marsch in die Stadt beschlossen worden. Wir traten ihn vom Bürgerbräukeller an. Die Führer traten an die Spitze, denn wir haben immer erklärt, daß wir nicht nach dem Muster von Kommunisten in kritischen Stunden hinten sein wollen, während die anderen zur Barrikade gehen müssen, sondern wenn Gefahr kommt, wollen wir tatsächlich mit unserem eigenen Leibe vorangehen. Und Ludendorff hat in diesem Augenblick, da andere Herren aus Vorsicht von dem vorderen Dienstgebäude in die hintere Baracke sich zurückgezogen haben, an der Spitze marschierend, ähnlich gehandelt, wie seinerzeit bei der Einnahme von Lüttich.

Wir traten an zum Marsch. Von Scheubner hatte durch ein kleines Vorkommnis eine üble Vorahnung, und auch Weber machte darauf aufmerksam, man solle doch Herrn Ludendorff sagen, es wäre vielleicht so, daß auf uns geschossen würde, ob es nicht doch vielleicht gut wäre, wenn eine Änderung vorgenommen würde mit Rücksicht auf Herrn Ludendorff. Ich habe darauf zu Herrn Ludendorff gesagt: „Es ist möglich, daß wir niedergeschossen werden“. Ludendorff gab dann zur Antwort: „Wir marschieren“.

Wir kamen zum ersten Kordon. Die Leute hatten Befehl bekommen, zu entwaffnen. Wenn man Gewehre gefunden hat mit Munition, so war das nach dem schweren Schießen. Man konnte doch den Leuten nicht zumuten, sich mit dem Gewehr in der Hand totschießen zu lassen. Marschiert wurde jedenfalls ungeladen. Als ich hinkam, habe ich gesehen, daß eine Reihe von Zivilisten im Zuge mitgeführt wurden. Ich habe erklärt, daß die Gesellschaft aus dem Zuge raus muß. Was später mit ihnen geschehen ist, weiß ich nicht.

In diesem Augenblick lag mir schließlich auch mehr am Herzen, wie die Herren, die auch im Münchner Rathaus mitgewirkt haben, das deutsche Schicksal zu einem jammervollen zu gestalten, wie es tatsächlich ist. Ich habe mich nicht verpflichtet gefühlt, mich persönlich um die Herren zu bemühen, die mit schuld sind an dem unermeßlichen Unglück, das das deutsche Volk getroffen hat. In einem anderen Lande würden die Herren nicht im Rathause sitzen, sondern dort, wohin uns die Staatsanwaltschaft bringen möchte. Ich habe die Herren aber sofort heraustreten lassen, denn ich wollte nicht, daß Märtyrer entstehen. Wenn geschossen wurde, fielen diese mit. Ich habe sie also herausnehmen lassen, was später mit ihnen geschah, weiß ich nicht.

Wir marschierten voran.

Ludendorff, rechts von ihm Dr. Weber, links meine Wenigkeit, dann Dr. Scheubner und die anderen Herren. Als wir weiterkamen, trat uns auf der Ludwigsbrücke grüne2 Polizei entgegen, die scharf lud und uns die Gewehre entgegenhielt. Wir marschierten weiter und sie gingen auseinander. Sie sind nicht in dem Moment durch vorspringende Entwaffnungskommandos entwaffnet worden. Wenn ein Mann das Gewehr schußbereit hat, kann er nicht von einem andern entwaffnet werden; er ist ihm gegenüber schon im Vorteil. Die Leute waren vielmehr tief erschüttert, in Zwietracht mit allen. Sie haben ihre Gewehre niedergestellt und sind zur Seite gestanden. Es waren Leute dabei, denen das Wasser in die Augen stürzte, die ganz gebrochen waren. Unsere Leute sind hindurchmarschiert und es wäre auch schwer für sie gewesen zu schießen. Wenn rückwärts Leute entwaffnet wurden, so haben wir vorne das nicht gesehen. Im Gegenteil: Es sind einzelne Rufe laut geworden, und zwar von Zivilisten, die links und rechts sich anschlossen und mitmarschierten und sich zum Teil hineinschoben: Schlagt die Kerle nieder. Wir haben zurückgerufen: Nichts tun, die Leute haben uns gar nichts getan, wir haben keinen Grund. Die Leute sind dann sofort zurückgetreten.

Es waren junge Leute von 19, 20 Jahren darunter, Rekruten; man konnte sich denken, was es für eine Aufgabe war für sie, sich gegen uns zu stellen. Sie sahen Leute vor sich, von denen viele die Brust mit Ehrenzeichen aus dem Weltkrieg bedeckt hatten. Es war nicht notwendig herauszutreten, um sie niederzustechen.

Wir kamen zum Marienplatz. Die Begeisterung war unerhört, und ich mußte mir auf diesem Marsche sagen, das Volk ist hinter uns, es erkennt, daß dieser Zustand nicht mehr länger andauern kann. Es läßt sich nicht mehr vertrösten mit lächerlichen halben Entschlüssen und Beschlüssen. Die Leute wollen, daß diese zur Verantwortung gezogen werden, die einst vor fünf Jahren das ungeheure Verbrechen begangen haben, sie wollen die Abrechnung mit den Novemberverbrechern. Das will das Münchener Volk, so weit es Sinn hat für Ehre und Würde des menschlichen Lebens und nicht für Sklaventum. Das war der Wunsch der breiten Massen, der ausklang in einem unerhörten Beifallssturm.

Wir marschierten weiter und kamen endlich zur Residenz. Auch hier das gleiche Bild. Ein ganz schwacher Polizeikordon war sofort auseinandergewichen, die Leute standen beiseite und einige riefen sogar Heil! und die anderen wußten nicht was.

Ich muß betonen, daß alles, was bei uns voranmarschierte, praktisch zivil war. Auch Ludendorff ging in Zivil. Meine Wenigkeit hatte nichts als meinen Regenmantel, allerdings meine Binde; wie gewöhnlich trug ich die Pistole außen umgeschnallt, aber nicht in der Hand, sondern in der Tasche. Sie hätte mir auch nichts genützt. Wir sind manchmal ins Gedränge geraten. Ludendorff hat die Hände in die Manteltaschen gesteckt. Es war gar keiner dabei, der eine Pistole trug, noch weniger ein Gewehr. Voran die beiden Fahnenträger, als einzige Soldaten, links und rechts ein Begleiter, sonst niemand. Wir waren mehr oder weniger alle waffenlos.

So sind wir dorthin gekommen. Wenige Meter von uns sah ich eine kurze Stockung und hörte einen Schuß. Wir hatten das Gefühl, daß der Kordon, der jetzt stärker geworden war, an der Feldherrnhalle – ich hielt es für Reichswehr infolge der Stahlhelme – plötzlich ausschwärmte und sich in dreifachem Glied über die Straße zog. So hingen wir uns ein, um vorwärts zu kommen; denn daß wir durchmarschierten, war selbstverständlich. In dem Moment krachte ein Schuß, kein Pistolen-, ein Gewehr- oder Karabinerschuß. Man wird einem Soldaten, der vier Jahre dauernd schießen hört, zutrauen, daß er das leichte Kläffen einer Pistole von einem Gewehrschuß wegkennt. Es ist unanständig, eine solche Behauptung aufzustellen. Es war kein Pistolen-, sondern ein Gewehr- oder Karabinerschuß. Gleich darauf krachte eine Salve. Ich hatte das Gefühl, in dem Moment einen Steckschuß in der linken Seite zu bekommen. Dr. Scheubner, der an mir eingehängt war, stürzte zu Boden, ich mit ihm. Es war mir jetzt zumute, als hätte ich mir den linken Arm ausgerenkt, und zwar von Dr. Scheubner. Nun krachte eine zweite Salve und ich hatte das Gefühl, es wäre ein Steckschuß im linken Arm und zwar deshalb, weil meine erste Verletzung im Kriege mir mehr das Gefühl eines Schlages als das eines Schnittes hinterlassen hatte.

Ich lag nur wenige Sekunden und suchte mich sofort wieder aufzuraffen. Die Schießerei hörte sofort wieder auf. Als ich aufstand, gab es nur noch eine kleine Schießerei, ein einzelner Mann schoß aus dem Preysing-Gäßchen. Ich sah um mich nur Tote und Verwundete, ein einziges Blutfeld. Vor mir stand Landespolizei, zum Teil im Anschlag, und Panzerautos. Hinter mir, 70 oder 80 Meter weiter zurück, waren unsere letzten Leute. Ludendorff konnte ich nirgends sehen. Ich war nicht nach vorn gefallen, sondern nach rückwärts-seitwärts. Ich sah nur einen großen Herren im schwarzen Mantel mit Blut besudelt, halb zugedeckt und hatte nun, ohne einen klaren Gedanken zu fassen, zunächst die Überzeugung, das wäre Ludendorff.

In dem Augenblick stand ich vor der Frage, ob ich mich gefangengeben oder rückwärts gehen sollte, 80 Meter weit zu den letzten Leuten hinter mir. Ich ging rückwärts. Es fielen noch einige Schüsse aus der Residenz heraus, was jetzt nicht mehr bestritten wird. Dann von der Preysinggasse, auch von vorn und vielleicht auch von unserer Seite, noch einige verirrte Kugeln. Ich ging zurück und stieg in einen Wagen und zwar am Platz in der Nähe des Rentamts. Es war mir die ganze linke Seite wie gelähmt, und ich hatte die Überzeugung, einen Steckschuß zu besitzen. In München konnte ich in kein Haus gehen, da ich bei meiner Bekanntheit sofort verhaftet worden wäre. Ich sagte darum zu dem Fahrer, fahren Sie zunächst aus München hinaus und erst in der Nacht zurück; denn ich wußte nicht, wie meine Verwundung sei. Im Walde untersuchte mich ein Arzt, der mitgefahren war: Verwundung haben Sie keine, sondern anscheinend eine Luxation. Wir fuhren nach Uffing, und ich blieb dort drei Tage. Der Doktor versuchte meinen Arm einzurenken; später stellte sich heraus, daß ich einen Gelenkbruch und einen Schlüsselbeinbruch bekommen hatte.

In diesen Tagen war ich zunächst von körperlichen und auch von seelischen Schmerzen niedergeworfen, besonders deshalb, weil ich im ersten Augenblick fürchtete, daß Ludendorff tot sei. Erst nachher erfuhr ich gesprächsweise in Uffing, daß Ludendorff lebe.

Am Sonntag kam ich nach Landsberg, nachdem man mich unter Aufgebot einer Lastkraftwagenbesatzung langsam umzingelt und nach langen Vorbereitungen verhaftet hatte. In Landsberg erhielt ich in den nächsten Tagen Zeitungen. Dort konnte ich lesen, ich wäre ein Wortbrüchiger, ich hätte Herrn von Kahr selber das Ehrenwort gegeben, niemals etwas zu unternehmen, ohne ihn zu verständigen, ja noch mehr: Ich hätte dieses Wort am 6. [November 1923] abends ihm noch persönlich gegeben. Das stand alles schwarz auf weiß gedruckt vor mir. Ich hätte sogar im Nebenzimmer erklärt: Ja, ich habe das Wort gebrochen, mit der Pistole drohend und nach dem Maßkrug verlangend. Kurz und gut, ich stand nun da als vollständig ehrloser Schuft.

In dem Augenblick habe ich tatsächlich bedauert, daß ich an der Feldherrnhalle nicht das Schicksal meiner lieben Kameraden bekommen habe. Es war das Schamloseste, daß die Männer, die die ganze Zeit mit uns gearbeitet hatten, jetzt, da wir uns nicht wehren konnten, in den Gefängnissen lagen, zum Teil selber körperlich gebrochen waren, mit Lügen über Lügen kamen. Ich habe nie mit Kahr geredet, ich habe ihm nie mein Wort gegeben, nie auch mein Vertreter. Und er erklärt nun öffentlich in den Zeitungen, ich habe ihm das Ehrenwort gegeben. Es war nicht wahr: Ich habe Lossow und Seißer nie das Wort gegeben, nichts zu unternehmen, sondern ich sagte, ich stehe loyal hinter ihnen, unternehme nichts gegen sie. Ich sagte zum Schluß sogar in einem Widerruf: Meine Herren! wenn Sie es nicht jetzt zur Entscheidung bringen, halte ich mich in meinen Entschlüssen nicht mehr für gebunden. Ich habe aber nichts gegen die Herren unternommen. Was ich tat, verstieß nicht gegen die Loyalitätsrücksichten, sondern ich habe gerade loyal gegen sie gehandelt bis zu dem Augenblick, da unsere Leute unter den Kugeln niederflogen. Es ist unerhört, wenn in dem Augenblick, wo wir uns nicht wehren konnten, diese infamsten Lügen verbreitet wurden. Die Herren wußten, daß unsere Tat uns die Seele unserer Anhänger nicht raubte; darum wollten sie uns unsere Ehre und das Ansehen unserer Mitglieder rauben.

In dem Augenblick wollte ich tatsächlich nichts mehr wissen von dieser verlogenen und verleumderischen Welt. Und als im Verlauf der nächsten Tage, während der zweiten Woche, dieser Verleumdungsfeldzug weiterging und als einer nach dem andern in Landsberg eingeliefert wurde, lauter Leute, von denen ich wußte, daß sie unschuldig waren, deren einzige Schuld die war, daß sie zu unserer Bewegung gehörten, die von der Sache nichts wußten, die nur verhaftet wurden, weil sie unserer Gesinnung waren und man fürchtete, daß sich diese Gesinnung äußern würde, da habe ich den Entschluß gefaßt, mich zu verteidigen und mich zu wehren bis zum letzten Atemzuge. Deshalb bin ich in den Gerichtssaal getreten, nicht um irgend etwas abzuleugnen oder die Verantwortung wegzuleugnen; nein, ich protestiere dagegen, daß Herr Oberstleutnant Kriebel erklärt, er habe die Verantwortung für den Vorgang. Er hat keine Verantwortung. Ich trage sie allein. Ich allein habe letzten Endes die Sache gewollt. Die anderen Herren haben nur zum Schluß mit mir gehandelt. Ich bin überzeugt, daß ich nichts Schlechtes wollte. Ich trage die Verantwortung und trage auch jede Konsequenz. Aber eines muß ich sagen: Verbrecher bin ich deshalb nicht, und als Verbrecher fühle ich mich deshalb nicht; im Gegenteil.

Wenn mir jetzt mehr oder weniger vorgeworfen wird, wie gerade ich dazu käme, so etwas zu tun, der ja nicht einmal die bayerische Staatsangehörigkeit besitzt, so muß ich dazu folgendes bemerken. Ich habe allerdings nicht die Staatsangehörigkeit des heutigen Staates, aber ich habe das Bürgerrecht mir einst erworben in dem Staat, der für mich Deutschland war, nämlich das Volk in Waffen. Da habe ich das Staatsdiplom in meinem Militärpaß erhalten, der mich zuständig weist an das Bezirksamt München I. Und sollte wieder der Tag kommen, der mir diese Zuständigkeit zuweist, dann weiß ich, wo ich hingehöre.

Zweitens, wenn ich mich nicht naturalisieren lasse, so tue ich es deshalb, weil ich weiß, daß es bitter ist, wenn man dem Vaterland entsagen muß, um Deutscher sein zu können. Ich glaube aber und hoffe, daß die Zeit kommt, wo das deutsche Staatsbürgerrecht über die einzelne kleine Grenze hinaus gilt, von Königsberg bis Straßburg und von Hamburg bis Wien. Es scheint mir aber leicht zu sein für einen Minister schwachen Geistes, einen überlegenen Mann auszuweisen, so wie für einen überlegenen Spitzbuben, der Justiz entwischen zu können.

Ich habe die Überzeugung, daß es charakterlos wäre von einem Mann, der sein Blut einsetzt, noch ein Zertifikat sich ausstellen zu lassen von einem Berliner, der in meinen Augen gar nicht verdient, ein Deutscher zu sein, oder es überhaupt gar nicht ist. Ich habe mich von Jugend an niemals als Österreicher gefühlt. Dafür, was unser Herrscherhaus an der deutschen Geschichte verbrochen hat, können die einzelnen Österreicher wahrhaftig nichts. Im Gegenteil, als Alldeutscher habe ich in der Jugend schon dieses Herrscherhaus bekämpft. Es muß auch der Tag kommen, da Österreich zu Deutschland kommen muß und es wäre schändlich, wenn ich, der ich das am meisten vertrat, Verzicht leistete auf meine Heimat, um ein Staatsbürgerrecht zu erwerben, das eine reine Floskel und Phrase ist, da es besser, als ich es bekräftigt habe, nicht zu bekräftigen ist. Ich habe das Staatsbürgerrecht verteidigt als gehorsamer Soldat und auch in der Heimat, ohne zu murren.

Wenn ich hier als Revolutionär stehe, so stehe ich hier gegen Revolution und Verbrechen. Ich selbst kann mich nicht schuldig bekennen. Ich bekenne mich zur Tat. Schuldig des Hochverrates kann ich mich nicht bekennen; denn es gibt keinen Hochverrat gegen die Landesverräter von 1918.

Es ist unmöglich, daß ich Hochverrat begangen habe, denn der kann nicht in der Tat vom 8. und 9. November [1923] liegen, sondern in der ganzen Gesinnung und in dem ganzen Handeln, die Monate vorher. Er liegt nicht in einer einzelnen Tat, sondern in den Besprechungen zu dieser Tat schon vorher. Wenn ich wirklich Hochverrat getrieben haben sollte, so muß ich mich wundern, daß die, die damals das gleiche mit mir trieben, nicht an meiner Seite sitzen. Ich kann mich nicht schuldig bekennen, da mir bekannt ist, daß der Staatsanwalt selbst gesetzlich verpflichtet ist, Anklage zu erheben gegen die, die das gleiche Verbrechen begangen haben wie wir und es mit uns auch besprachen; ich meine die Herren von Berchem, von Aufseß, Kahr, Lossow und Seißer und die andern alle.

Daß der Herr Staatsanwalt gegen diese Herren nicht Anklage erhoben hat, muß ein Irrtum sein. Ich bekenne mich, wie gesagt, zur Tat und leugne jede Schuld ab, solange nicht meine Umgebung eine Ergänzung findet durch die Herren, die mit uns das gleiche wollten und durch Besprechungen vorbereitet haben, was unter Ausschluß der Öffentlichkeit wird dargetan werden können. Solange diese Herren nicht neben mir sind, lehne ich die Schuld am Hochverrat ab. Ich fühle mich nicht als Hochverräter, sondern als bester Deutscher, der das Beste gewollt hat für sein Volk. Ich bitte nun den Herrn Vorsitzenden, die Fragen an mich zu richten, die er für notwendig hält.

[…]

(Schluß der Sitzung um 5 Uhr 27 Minuten.)

Quelle: Nationalsozialismus, Holocaust, Widerstand und Exil 1933-1945. Online-Datenbank. K. G. Saur Verlag. 09.08.2008. Ursprünglich veröffentlicht in: Hitler, Adolf: Reden, Schriften, Anordnungen. Hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte. Ergänzungsband: Der Hitler-Prozess 1924. Wortlaut der Hauptverhandlung vor dem Volksgericht München I. Hrsg. und kommentiert von Lothar Gruchmann und Reinhard Weber unter Mitarb. von Otto Gritschneder. Teil 1: 1. – 4. Verhandlungstag. München: K. G. Saur, 1997. S. 3–66.

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