Die Totenschiffe auf dem Meeresgrund

Von Heinz Schön

20.000 Opfer bei den Katastrophen „Gustloff“, „Steuben“, „Goya“ – Wracks offiziell noch nicht als Kriegsgräber anerkannt. 

Zwischen der Südspitze der Halbinsel Hela und der Stolpebank vor der pommerschen Küste rauscht eintönig die See. Viel zu wenig Menschen wissen, dass sich hier, in diesem Ostseeraum, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges drei Schiffstragödien ereigneten, die in der Geschichte der Seefahrt ohne Beispiel sind. Fast 20.000 Menschen, meist Frauen, Kinder und Greise, fanden dabei den Tod. Sie starben auf den sinkenden Schiffen, ertranken oder erfroren in der eisigen See. Die letzten Überreste dieser, aus ihrer angestammten Heimat in Ostpreußen, Westpreußen, Danzig und Pommern vertriebenen Menschen haben hier, unschuldig und ungewollt, in 40 bis 70 Meter Tiefe ihr Grab gefunden, auf dem niemals Blumen liegen werden. Sind diese Opfer eines unseligen Krieges heute schon vergessen?

Kaum Jemand spricht noch von ihnen. Wer erinnert sich noch daran, dass vier Monate vor Kriegsende die große Völkerwanderung über das Meer, die Vertreibung über die Ostsee, der Treck der Flüchtlingsschiffe, begann? 1081 Handels- und Kriegsschiffe, vom Binnenkahn bis zum ehemaligen Luxus-Passagierschiff, vom U-Boot bis zum schweren Kreuzer, waren an dieser größten Rettungsaktion der Seegeschichte beteiligt. Es gelang, mehr als 2,5 Millionen Menschen über die Ostsee zu retten. Es war eine Heldentat der Humanität, an der Seeleute der Handels– wie auch der Kriegsmarine gleichermaßen beteiligt waren.

Doch die Vertreibung über die Ostsee forderte auch Opfer. Viele Schiffe gingen durch Bomben, Minen und Torpedos verloren. Drei Katastrophen ragen aus dem Geschehen heraus, sind Sinnbilder des Krieges, der kein Krieg der Männer mehr war, sondern die Entfesselung der Hölle gegen wehrlose Frauen und Kinder.

Am 30. Januar 1945, einem wahrhaft symbolischen Tag, dem „Tag der Machtübertragung“ mit dem das Hitlerreich seinen Anfang nahm, sank 12 Seemeilen querab Stolpmünde das Propagandaschiff der „Kraft-durch-Freude“-Flotte „Wilhelm Gustloff“. 6.600 [9.000] Menschen, darunter 5.500 Flüchtlinge, befanden sich auf diesem zum „Flüchtlingsschiff“ degradierten KdF-Urlauberschiff, glaubten fest daran, am nächsten Tag den Zielhafen Kiel zu erreichen. Doch die „Gustloff“ kam nie dort an.

Schon wenige Stunden nach dem Auslaufen aus Gotenhafen trafen um 21.16 Uhr drei Torpedos das Schiff und schickten es auf den Grund der Ostsee. 62 Minuten dauerte der Todeskampf der „Gustloff“. Bei 18 Grad unter Null überlebten nur 1.252 die vom Wintersturm gepeitschte Katastrophennacht – darunter auch ich, 5028 fanden den Tod in den eisigen Fluten.

Obwohl die Nachricht vom Untergang der „Gustloff“ sich in Windeseile in den Ostseehäfen herumsprach, strömten zehntausende Flüchtlinge weiter auf die Schiffe. Es gab keinen anderen Fluchtweg. So war das auch in den ersten Februartagen in Pillau. Mit 4.267 Menschen an Bord, darunter 1.600 Schwerverwundete, verließ der Dampfer „General Steuben“ am 9. Februar Pillau. 53 Minuten nach Mitternacht gab der Kommandant des sowjetischen U-Bootes „S 13“, Alexander Marinesco, der Zehn Tage zuvor die „Gustloff“ versenkt hatte, das Kommando „Feuer“. Eine Minute später trafen zwei Torpedos die „Steuben“. Tonnenweise stürzte die See in das todwunde Schiff das sofort zu sinken begann und 3.608 Menschen mit in den Tod nahm.

Konnte noch Schrecklicheres, Grauenhafteres geschehen als beim Untergang der „Gustloff“ und der „General Steuben“? Es geschah: Am Morgen des 16. April lag auf der Reede von Hela der nur 523 BRT große Frachter „Goya“. Auf vier Reisen hatte dieses „Flüchtlingsschiff“ bereits 19.785 Menschen über die Ostsee gerettet. Jetzt sollte die fünfte Reise beginnen. Am Kai auf Hela stehen rund einhunderttausend Menschen. Mit kleineren Schiffen und Booten werden sie zur „Goya“ befördert. Viele warten seit Stunden, manche die ganze Nacht. Den meisten geht die Einschiffung zu langsam. Sie sehen in der „Goya“ eine „Arche Noah“, das letzte Schiff von Hela. Aus dem verhangenen Himmel stürzen sich urplötzlich sowjetische Bomber auf die Menschen, werfen ihre todbringende Last ab. Kinder, Mütter, Greise, Verwundete sterben wie die Fliegen, wälzen sich im eigenen Blut – übrig bleiben Mauerreste, Menschenreste, ein Bild des Grauens. Danach Panik, Chaos. Boote und Kutter, Schiffe und Schiffchen werden buchstäblich gestürmt. Alle wollen auf die in Sichtweite liegende „Goya“. Der Kampf dauert Stunde um Stunde.

Um 18 Uhr wird dem Kapitän gemeldet:

„Das Schiff ist total überfüllt, an Bord befinden sich mehr als 7200 Menschen!“

Kurze Zeit später nimmt das Schiff Fahrt auf und geht ungewollt auf Todeskurs.

„Fahrt zur Hölle!“

hat ein Zurückbleibender, der nicht mehr an Bord kam, dem Schiff nachgerufen – fünf Minuten vor Mitternacht zerreißen zwei russische Torpedos die Schiffswände. Die „Goya“ sinkt in sieben Minuten. Vieles was in diesen 420 Sekunden auf dem sinkenden Schiff geschieht, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Manches kann man nur ahnen. Gnädig verhüllt die Dunkelheit das fürchterliche, unmenschliche Drama der Totgeweihten in den Ladeluken, in den Gängen und auf dem Oberdeck. Nur 172 von 7200 überleben.

Fast 16.000 Menschen fanden bei diesen drei Katastrophen in der Ostsee den Tod: Frauen, Kinder, Greise und Verwundete. In 40 bis 70 Meter Tiefe liegen die Schiffswracks der „Gustloff“, der „Steuben“ und der „Goya“, der Plünderung freigegeben. Denn trotz aller Bemühungen sind diese Wracks bis heute nicht als offizielle Kriegsgräber anerkannt. In zunehmendem Maß werden diese Massengräber der Ostseeflucht von Schatzsuchern und Sporttauchern heimgesucht und die Toten in ihrer Ruhe gestört. Die Bundesregierung sollte endlich Mittel und Wege finden, dies zu verhindern.

Heinz Schön (Pommersche Zeitung, 28. November 1992)