Anarchie – Anarchismus

Anarchie (altgr. ἀναρχία anarchía, „Herrschaftslosigkeit“; Wortbildung aus verneinendem Alpha privativum und ἀρχία archía „Herrschaft“) bezeichnet einen gesellschaftlichen Zustand, in welchem die Herrschaft der Gesetze und aller moralischen, ethischen und gesetzlichen Autoritäten aufhört. Die ideologische Verfechtung der Anarchie wird als Anarchismus bezeichnet.

Artikel aus dem staatspolitischen Handbuch


Anarchie ist abzuleiten vom altgriechi­schen anarchia, was soviel wie »Herrschaftslosigkeit« bedeutet, für die Antike ein Zustand gleichbedeutend mit »Anomie« und Barbarei. Entsprechende Vorstellungen haben sich bis heute erhalten und führen regelmäßig zur Identifikation von A. und Chaos, Gesetz- und Kulturlosigkeit.

In bewußter Entgegensetzung kam die positive Umwertung des Begriffs seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auf; Kant definierte Anarchie entsprechend als »Gesetz und Freiheit ohne Gewalt«. Mit der Französischen Revolution wurde »Anarchist« zur Bezeichnung derjenigen, die unter Freiheit ein umfassendes Recht auf Selbstbestimmung verstanden und die Erwartung hegten, daß sich absolute Freiheit entweder in ­einem gesellschaftlichen Endzustand oder durch praktische Maßnahmen (Bildung von Kommunen und Föderationen) schon hier und jetzt verwirklichen lasse.

Ursprünglich bildete der Anarchismus einen integralen Bestandteil der linken Gesamtbewegung; aber nach dem Scheitern der Pariser Kommune (1871) spalteten sich die anarchistischen von den sozialistischen und kommunistischen Gruppen ab. Ver­suche eine stärkere anarchistische Internationale zu organisieren blieben aus naheliegenden Gründen erfolglos; anarchistische Gruppen waren immer nur vorübergehend (etwa in den USA) und nur in wenigen Ländern (Schweiz, Spanien, Ukraine, einige Staaten Lateinamerikas) einflußreich.

Da die Anarchie den äußersten linken Flügel bildete, war ihr die Gegnerschaft der politischen Rechten sicher. Die prinzipielle Infragestellung jeder Autorität machte sie zum Feind all dessen, wofür der klassische Konservatismus stand. Die terroristische Praxis der Anarchisten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts (»Propaganda der Tat«) und deren Zusammenarbeit mit Kriminellen taten ein übriges und förderten außerdem den Verdacht gegen Liberale, Sozialisten oder Sozialdemokraten, daß sie faktisch dem Anarchismus vorarbeiteten. Dieselbe Frontstellung wiederholte sich beim Auftreten des Neo-Anarchismus im Zusammenhang mit der Studentenbewegung und dem Aufkommen terroristischer Banden am Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Die negative Beurteilung erklärt hinreichend, warum erst relativ spät die Idee eines »konservativen« oder eines »Anarchismus von rechts« entstehen konnte. Vorläufer dieser Tendenz darf man aber schon im aristokratischen Widerstand gegen das absolute Königtum (Monarchie) sehen, im Auftreten der libertins, die »wie die Götter« leben wollten, oder in der Haltung der Dandys, soweit sie ausdrücklich einen elitären (Elite) Stil kultivierten. Selbstverständlich spielten zuletzt noch Nietzsches Kritik des Staates und seine Lehre vom Übermenschen eine Rolle.

Eine konkretere Ausformung erlebte der »Anarchismus von rechts« aber erst im 20. Jahrhundert. Angesichts des Zerfalls der alteuropäischen Ordnung mit dem Ersten Weltkrieg wurde die Situation von einigen Protagonisten der Rechten als so verzweifelt wahrgenommen, daß jedes Wiederanknüpfen an die Tradition aussichtslos erschien. Das erklärt die Versuche mancher, eine neue Welt ohne Rücksicht auf Bedingungen zu schaffen (Gabriele D’Annunzio, T. E. Lawrence,Baron Ungern-Sternberg) oder den Rückzug aus ­einer zerfallenden Welt auf die Position des Solitärs zu verlangen (Julius Evola, Georges Bernanos). Daneben gab es eine Literatur, die Pessimismus und Existentialismus zu einer Grundhaltung verknüpfte, die vor allem durch Verachtung der Konvention und der Massen auffiel und ein Recht auf politische Durchsetzung für die berufenen Einzelnen forderte (Henry de Montherlant, ­Louis-Ferdinand Céline).

Ernst Jüngers Rede vom »preußischen Anarchisten«, der, »nur bewaffnet mit dem Imperativ des Herzens, die Welt nach neuen Ordnungen durchstreift« war dagegen schon ein Versuch, nicht nur die tatsächlichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Anarchisten und dem Konservativen herauszustellen – in dem Bemühen, auf den Ursprung der Dinge zurückzugehen –, sondern auch ein Konzept zu entwickeln, das beide Möglichkeiten offenhält: die Existenz als einzelner in unausweichlichem Zerfall oder den Versuch, nach dem Gang durch die Katastrophe Mittel für den Wiederbeginn zur Verfügung zu halten. Jünger hat die Überlegungen zu einem preußischen Anarchismus später mit den Gestalten des »Waldgängers«, dann des »Anarchen« weitergebildet.


Anarchismus

Der Anarchismus (abgeleitet von altgr. ἀναρχία anarchía; „Herrschaftslosigkeit“) ist eine politische Ansicht, die die Beseitigung jeglicher Herrschaft eines Menschen über den anderen ankündigt, für möglich hält und die Einführung unbeschränkter Selbständigkeit der Einzelwesen in rechtlicher, in gesellschaftlicher und in wirtschaftlicher Beziehung erstrebt. Voraussetzung für einen solchen Zustand der Anarchie ist die Vernichtung des Staates. Das gesellschaftliche Leben soll durch freiwillige Vereinigungen freier Menschen geregelt werden; diese Vereinigungen sollen ebenso freiwillig auflösbar sein. Viele Vertreter des Anarchismus, sogenannte Anarchisten, haben enge Verbindungen zum Linksextremismus. Der Autor Ernst Jünger galt schon zu Lebzeiten als bekanntes Beispiel für einen Rechtsanarchisten. Auch libertäre Anschauungen („Nachtwächterstaat“) berühren sich traditionell sowohl mit linksanarchischen, als auch mit rechtsanarchischen Vorstellungen.

Geschichte

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts erklärte der englische Schriftsteller William Godwin in seinem 1793 erschienenen Werk „Enquiry concerning political justice“, daß jede obrigkeitliche Gewalt als ein Eingriff in die private Urteilskraft anzusehen sei, und der Einfluß der Regierung „aus Gründen der Vernunft und der Menschlichkeit“ möglichst beseitigt werden müsse: Diese Äußerung blieb aber noch ohne irgendwelche praktische Bedeutung.

Pierre-Joseph Proudhon

Die eigentliche Geschichte des Anarchismus beginnt mit dem französischen Wirtschaftswissenschaftler Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865). Die erste Darstellung seiner Anschauungen findet sich in dem 1840 unter dem Titel „Qu’est-ce que la propriété? ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement“ veröffentlichten Werk, in welchem Proudhon davon ausgeht, daß nur derjenige wirtschaftliche Verkehr als gerecht zu bezeichnen sei, in welchem ausschließlich gleichwertige, d. h. durch denselben Arbeitsaufwand hergestellte Güter miteinander ausgetauscht werden. Mit diesem Grundsatz stehe aber das herrschende Wirtschaftssystem in schroffem Widerspruch, indem der Unternehmer kraft der ihm durch das Kapitaleigentum gewährleisteten Übermacht dem Arbeiter nicht den vollen Ertrag seiner Leistungen zukommen lasse und damit zum Dieb werde. Die Antwort auf die obige Frage lautet deshalb nach Proudhon: „La propriété c’est le vol“ („Eigentum ist Diebstahl“). Da jede bisherige soziale Organisation nur dazu gedient habe, diesen ungerechten Zustand zu erhalten und zu befestigen, so fordert Proudhon die Beseitigung jeder gesellschaftlichen Über- und Unterordnung, die Abschaffung des Eigentums, den Zustand der Anarchie. Dann handelt jedes Individuum ganz nach freiem Ermessen und darf des seinen freiwilligen Leistungen vollauf entsprechenden Lohnes sicher sein. Die Unruhen der Februarrevolution (1848) bewogen Proudhon, eine praktische Anweisung zur Verwirklichung seiner Gedanken zu geben. Er entwickelte den Plan einer „Tauschbank“, welche einem jeden die zur Eröffnung eines gewerblichen Betriebes erforderlichen Mittel in Gestalt von Tauschanweisungen (bons d’échange) so lange vorstrecken sollte, bis die eigene Produktion die (zinsfreie) Rückzahlung ermöglichen würde. Dieser Vorschlag fand keinen Anklang, desto mehr aber sein weiteres Projekt zur Gründung einer „Volksbank“, welche sich indessen, da Proudhon gerade damals (März 1849) zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, kurz nach ihrer Begründung wieder auflösen mußte. Bald darauf lieferte Proudhon in einer Schrift aus dem Jahre 1851 („Idée générale de la Révolution au XIXe siècle“), eine eingehende Darstellung der von ihm erstrebten gesellschaftlichen Ordnung. Auf Grund freien Vertrages sollen zum Zweck der gewerblichen Produktion Assoziationen gebildet werden, welche dann das jedem Menschen angeblich in ausreichendem Maße innewohnende Gerechtigkeitsgefühl zusammenhalten würde. Die Verwirklichung seiner Bestrebungen erwartete Proudhon nicht vom allgemeinen Stimmrecht, sondern von der überzeugenden Macht seiner Ideen und der Gewalt der Agitation. Die bereits in vielerlei Hinsichts anarchistischen Lehren Proudhons blieben jedoch zunächst ohne irgendwelchen Einfluß auf die breiteren Schichten des französischen Volks, zumal Proudhon selbst in seinen späteren Lebensjahren wesentlich gemäßigtere Anschauungen vertrat, die Anarchie für ein Ideal erklärte, das nie verwirklicht werden könne, und in dem Prinzip des „Föderalismus“ eine zweckmäßigere Organisationsform der Gesellschaft gefunden zu haben glaubte.

Bedeutender war der Einfluß, welchen der Proudhonsche Anarchismus während der 1840er Jahre in Deutschland ausübte, wo die beiden Juden Moses Heß (1812-75) und Karl Grün (1817-87) nicht nur in mehreren Schriften sowohl die Theorien Proudhons als auch darüber Hinausgehendes propagierten, sondern auch als Führer der damaligen sozialistischen Partei eine wirksame agitatorische Tätigkeit entfalteten. In der deutschen Schweiz griff Wilhelm Marr vorübergehend (1812-45) in die dortige Arbeiterbewegung ein. Gleichzeitig suchte Max Stirner (Pseudonym für Kaspar Schmidt, 1806-56) in seinem Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ (1815), ebenso wie Karl Marx von den Hegelschen Schriften ausgehend, die unbedingte Berechtigung des einzelnen Individuums gegenüber jeder Art von Gemeinschaft nachzuweisen, wodurch er der Ideologie des Anarchismus eine philosophisch-politische Stütze geben wollte.

20. Jahrhundert

Die erste umstürzlerische Vereinigung von Anarchisten schufen die Russen Michael Bakunin („Propaganda der Tat“) und Sergei Gennadijewitsch Netschajew. Diese Gemeinschaft beunruhigte die Welt durch Mordanschläge auf Herrscher und hohe Staatsbeamte. 1907 wurde eine erste anarchistische Internationalegegründet. Die Mitwirkung der Anarchisten an den kommunistischen Kämpfen war besonders in den romanischen Ländern stark, wo sie auch in dieGewerkschaften eindrangen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert waren die Anarchisten in England, dem Deutsches Reich und Österreich nur von geringem Einfluß; sie bildeten vielfach einen kleineren linken Flügel der Kommunisten, ohne je zur Geltung zu kommen. Ende der 1960er Jahre wurde von linken Gruppierungen in der Bundesrepublik Deutschland der Anarchie-Gedanke wieder aufgegriffen. Besonders präsent ist er heute in der Punk-Subkultur und der Hausbesetzer-Szene.

Heutige Strömungen suchen die kapitalistische Produktionsweise abzuschaffen, Klassen und Schichten zu überwinden, die Religionen als „Vermittler der Rechtmäßigkeit von Herrschaft“ abzuschaffen, staatliche Machtfaktoren wie Polizei und Armee durch Volksarmeen ohne Hierarchie zu ersetzen und das Strafprinzip abzuschaffen. „Kriminelle […] sind als Kranke zu behandeln und müssen genesen, nicht bestraft werden.“

Ausrichtungen

  • Der individualistische Anarchismus bekämpft alle sozialistischen und kommunistischen Lehren (→ Oliver Janich). Er wurde im 19. Jahrhundert von dem Engländer William Godwin, dem Deutschen Max Stirner und dem Franzosen Pierre-Joseph Proudhon vertreten. Die Mutualisten sind Anhänger einer Gesellschaft des Prinzips der gegenseitigen Hilfe.
  • Der kollektivistische Anarchismus wurde besonders durch den Russen Michael Bakunin vertreten. Danach soll das Privateigentum an Gütern des Verzehrs frei bleiben, aber die Erzeugungsmittel sollen vergesellschaftet werden. Die Kollektivisten suchen ihre Ordnung auf der Basis der Gemeinschaftlichkeit.
  • Der kommunistische Anarchismus wurde vertreten von dem Russen Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, der alle Wirtschaftsgüter in Gemeineigentum überführen wollte und eine „freie Föderation der Gruppen von Produzenten und Konsumenten“ erstrebte. Mit dem Kommunismus des Ostblocks hatte das aber nichts zu tun. So ist im Eintrag Anarchisten eines DDR-Lexikons zu lesen: „Die Anarchisten sind kleinbürgerliche pseudorevolutionäre Elemente, die jede staatliche Ordnung ablehnen. Sie verwerfen die Disziplin der Arbeiterklasse, ihre Bewußtheit und Organisiertheit, die Führung der Gesellschaft durch die marxistisch-leninistische Partei und den sozialistischen Staat. […] Ihre antimarxistische Weltanschauung ist der Anarchismus.
  • Der nationale Anarchismus wird von Peter Töpfer vertreten, der Anarchismus mit Nationalismus verbinden will.

Zitate Adolf Hitlers

„Da muss eine Bewegung kommen, die beide Seiten zurückstößt: die Verblödet-Konservativen und die jüdisch-bolschewistischen Anarchisten.“

„Der Angriff gegen die [religiösen] Dogmen an sich gleicht deshalb auch sehr stark dem Kampfe gegen die allgemeinen gesetzlichen Grundlagen des Staates, und so wie dieser sein Ende in einer vollständigen staatlichen Anarchie finden würde, so der andere in einem wertlosen religiösen Nihilismus.“

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Quelle: Netapedia

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