Germanen, Kelten, Griechen oder Römer? – Ein Besuch der Landesausstellung „Römer zwischen Alpen und Nordmeer“ in Rosenheim

Von Gernot L. Geise – 2000

In Rosenheim wurde bis zum 5. November 2000 im „Lokschuppen“ die Landesausstellung „Römer zwischen Alpen und Nordmeer“ gezeigt. Dazu wurde auf dem Platz vor dem „Lokschuppen“ ein antikes Theater aufgebaut, in dem unter freiem Himmel begleitend zur Ausstellung kulturelle Veranstaltungen stattfanden. Weiterhin wurde flächendeckend in allen möglichen Städten für die Ausstellung Werbung betrieben. Zeitgleich waren landesweit ähnliche „Römer“-Ausstellungen zu sehen. Beispielsweise im Deutschen Museum in München („Pompeji – Natur, Wissenschaft und Technik in einer römischen Stadt“, bis 28. Mai), im Burgmuseum der Burg Grünwald, in Burgweinting oder in Kempten mit einer Schaugrabung.

Wir waren dort und haben uns angeschaut, was unter Federführung der Prähistorischen Staatssammlung München dort gezeigt wurde. Leider durfte man in den Ausstellungsräumen nicht fotografieren, was durch Überwachungskräfte, ausgerüstet mit Funksprechgeräten, kontrolliert wurde.

Zunächst betrat der Besucher einen Raum, in dem in düsteren Grau-Farben eine Art Waldesdickicht dargestellt war. Zur rechten Seite standen einige Figuren in „römischen“ Kostümen, nicht sehr intelligent blickend, auf der linken Seite, hinter Unterholz versteckt, lugten einige helmbewehrte Köpfe aus dem Dickicht, die wohl „Germanen“ darstellen sollten. Schon hier wurde dem Besucher klargemacht: Die Römer waren – zumindest was die Ausstattung betrifft – den Germanen überlegen.

„Endlose Kolonnen römischer Legionäre ziehen 15 v.Chr. über die Alpen, um zunächst das keltische Land zwischen den Bergen und der Donau zu besetzen. Aber es mussten auch herbe Rückschläge eingesteckt werden“ (1), hieß es. Wie diese „endlosen Kolonnen“ jedoch über die Alpen gekommen sein sollen, stand nirgends. Der Besucher musste es glauben, weil er es nicht besser weiß. Wie schon früher dargelegt (2), gab es zu dieser Zeit jedoch nur zwei Alpenübergänge, und das waren bessere Trampelpfade, die sich qualvoll über Berge und durch Schluchten wanden, völlig ungeeignet für einen Truppenübergang. Wenn es also wirklich so gewesen wäre, dass besagte Legionen, Mann hinter Mann, die Alpen überquert hätten, so hätte auf „germanischer“ Seite eine Handvoll Kämpfer ausgereicht, um sie ohne große Anstrengungen niederzumetzeln.

Hinzu kommt, dass zu jeder Legion der sogenannte Tross gehörte, der u.a. für den Nachschub der kämpfenden Truppe zuständig war. Ohne diesen Tross war keine Legion ausgerückt. Der Tross bestand überwiegend aus beladenen Transportwagen, und wie diese die Alpen-Trampelpfade überquert haben sollen, kann kein Historiker beantworten.

Beeindruckend waren die spätantiken Straßenkarten „Tabula Peutingeriana“ (benannt nach dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger [1465-1547]), die aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammen und angebliche Kopien von Originalen sind, die es jedoch niemals gab. Mit ihnen war ein meterlanger Durchgang beklebt, sie stellen (angeblich) die ältesten „römischen“ Straßenkarten dar. „Im Schutz des Limes mit seinen Wachtürmen und Kastellen entstanden Handwerkersiedlungen, Dörfer, Städte und ein gut ausgebautes Straßennetz nach Vorbildern in Italien“ (1). Wie ich schon darlegte (2), war der Limes nichts weiter als eine Zollgrenze, dessen einzige Funktion darin bestand, Warenlieferungen von einer Seite zur anderen zu besteuern. Das geht u.a. daraus hervor, dass auf beiden Seiten dieselben „Germanen“ lebten. Es ist geradezu eine Unterstellung, zu behaupten, durch den „Schutz des Limes“ seien Dörfer und Städte entstanden. Ehrlicher müsste es heißen „trotz des Limes sind sie entstanden“. Und das „gut ausgebaute Straßennetz“ stammt ebenso wenig von den „Römern“. Es war nämlich schon vorher da und wurde nur von ihnen genutzt. Es konnte nicht – wie es den Besuchern impliziert wird – nach italienischen Vorbildern angelegt worden sein, denn zu jener Zeit gab es dort gar kein Straßennetz, wie jeder Archäologe weiß!

Die Ausstellung zeigte die in jeder „Römer“-Ausstellung üblichen Funde, von Waffen über Bekleidung bis zu alltäglichen Gegenständen wie Flaschen oder Schmuck und Münzen. Dass es sich hierbei nicht unbedingt um „römische“ Gegenstände handeln musste, erkannte der „unvorbelastete“ Besucher allerdings nicht, auch wenn hier und dort erwähnt wurde, dass „griechische Einflüsse“ vorhanden seien. Bemerkenswert eine Reliefdarstellung mit der Beschreibung, ein griechischer Lehrer bringe auf der Darstellung „römischen“ Kindern Griechisch bei. Abgesehen davon, dass man an Hand des Bildnisses nicht erkennen konnte, dass der „Lehrer“ ein Grieche war, und auch nicht, weshalb es sich ausgerechnet um „römische“ Kinder handeln soll, erscheint es mir sehr suspekt, dann zu behaupten, die Kinder würden Griechisch-Unterricht erhalten. Warum nicht Lateinisch? Oder Germanisch?

Überhaupt ist mir aufgefallen, dass in dieser Ausstellung von „Germanen“ geredet wurde, während die Kelten nicht erwähnt werden. Alle so dargestellten „römischen“ Gegner waren „Germanen“. Noch vor zehn Jahren wäre eine solche Darstellung völlig unmöglich gewesen, standen die „Germanen“ doch im „Dunstkreis“ der Nationalsozialisten, die im „Dritten Reich“ den „Germanenkult“ überbetonten. Doch was soll’s, schon Theodor Mommsen (3) stellte fest, dass man Kelten und Germanen nicht auseinander halten könne, weil sie nicht nur körperlich, sondern auch bezüglich ihrer Kultur völlig identisch seien.

„Über lange Zeit lebten Römer und Germanen weitgehend friedlich nebeneinander, schlossen diplomatische Verträge, tauschten Geschenke aus und handelten mit begehrten Waren“ (1).

Wen verwundert das, wenn man weiß, dass die „gefürchteten Römer“ die eigenen Verwandten waren, die zum „Wehrdienst“ eingezogen worden waren!

Zu Beginn der Ausstellung fand eine Führung statt, und den Besuchern wurde erklärt: „Vergessen Sie bei dieser Ausstellung nicht, dass die Römer böse Aggressoren waren!“.

Nein! Genau das waren sie eben nicht! Es waren Wehrpflichtige Einheimische, genauso wie bei unserer Bundeswehr. Dass diese Eingezogenen auch bei Kampfhandlungen an den Grenzen eingesetzt wurden, ist völlig normal und hat mit Aggression nicht viel zu tun. Die „römischen“ Legionen bestanden aus einheimischen Bürgern und standen unter dem Befehl einheimischer Offiziere (also Keltogermanen!). Mit (den heutigen) Italienern hatten sie ebenso wenig zu tun wie wir heute. Denn: das, was als „Imperium Romanum“ bezeichnet wird, gab es – zumindest zu jener Zeit – nicht! Und „Rom“, die „ewige Stadt“, gab es zu jener Zeit ebenso wenig. Doch darüber ein anderes Mal mehr.

„Im 3. Jahrhundert n.Chr. stürzte das römische Imperium in eine tiefe Krise. Die innere Schwäche nutzten germanische Fürsten zu großangelegten Beutezügen … Mit dem Abzug des Militärs im 5. Jahrhundert war das Ende der römischen Herrschaft besiegelt“ (1).

Der „Abzug des Militärs“ ist ein Thema für sich, denn gegen Ende des „Römischen Reiches“ müssen – glaubt man den Geschichtsbüchern – nicht nur hunderttausende, nein, Millionen von „römischen“ Legionären in Germanien stationiert gewesen sein. Wohin sollen sie wohl abgezogen worden sein? Nach Italien etwa? Tatsache ist, dass sie so restlos verschwunden sind, dass man sich fragen muss, ob sie sich etwa in Luft aufgelöst haben?

Für mich steht es heute fest, dass es niemals „römische“ Besatzer gab. Und schon gar keine, die aus dem (heute) italienischen „Rom“ über die Alpen kamen, um den Keltogermanen mit Waffengewalt „die Kultur“ zu bringen. Zu viel spricht dagegen.

Die Ausgangstür der Ausstellung wurde beidseitig durch große, mosaikartig zusammengesetzte Leuchtbildwände flankiert, auf denen neben „römischen“ Münzen und Bauwerken auch beispielsweise Napoleon Bonaparte oder „Karl der Große“ (die gefälschte Reiterfigur aus dem Pariser Louvre) dargestellt wird. Da ich keine diesbezügliche Erklärung bei den Fotos sah, fragte ich mich, was das alles mit „Römern“ zu tun hat? Sicher könnte ich mir vorstellen, dass die Ausstellungsleitung hier dem Besucher darlegen wollte, was aus dem „Römischen Reich“ erwuchs, doch warum die Bilder dann wahllos durcheinandergewürfelt waren, wollte mir nicht einleuchten.

Sollte es ein Gag sein oder wollte man nur testen, was man den Besuchern alles als „römisch“ unterjubeln kann?

In einer Vitrine im Vorraum der Ausstellung lagen neben käuflich erwerbbaren „römischen“ Repliken zwei Armbanduhren, die mit „Römeruhren“ beschriftet waren…

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3 Gedanken zu “Germanen, Kelten, Griechen oder Römer? – Ein Besuch der Landesausstellung „Römer zwischen Alpen und Nordmeer“ in Rosenheim

  1. Ich mache mir gerade Gedanken wie es möglich sein kann, daß man irgendwelche „Funde“ macht, welche in einiger Tiefe plötzlich gefunden werden. So z.B. auf einem Acker irgendein Schatz oder verborgene Gebäudeüberreste. Etwa das „römische“ Thermalbad in Weißenburg oder ein Silberschatz, den vorher offensichtlich kein Mensch interessiert hat. Aber plötzlich wird er gefunden.

    Wie kann das überhaupt möglich sein? Wußten die Leute früher den Wert von Metall, Gold und Silber nicht zu würdigen, waren sie etwa verblödet?

    Ich denke nicht. Aber das deutet eben auf eine Katastrophe vor kurzer Zeit hin, welche die Landschaft letztlich mit meterhoher Ackererde überschüttet hat und deshalb konnte dies erst jetzt zufällig gefunden werden!

    „Mit Schatzfund von Weißenburg (auch römischer Tempelschatz von Weißenburg) wird die Entdeckung eines Schatzes 1979 in Weißenburg in Bayern (dem antiken Biriciana) bei Gartenarbeiten 70 m südlich der Römischen Thermen von Weißenburg bezeichnet. Er enthielt silberne Votivbleche, Bronzestatuetten und -gefäße, Paraderüstungsteile und Eisengerät. Der Bestand legt nahe, dass es sich größtenteils um das Inventar eines Tempels handelte.“


    https://de.wikipedia.org/wiki/Schatzfund_von_Wei%C3%9Fenburg?oldformat=true

    Und wer hat diesen Schatz, der u.a. noch von 30 cm Humusschicht bedeckt war, einfach vergessen???!

    Dann ist noch zu lesen:

    „Der Schatzfund inspirierte den fränkischen Schriftsteller Josef Carl Grund zum Roman Feuer am Limes, der 1983 erschien. Das Jugendbuch spielt in Biriciana zur Zeit des römischen Kaisers Decius (249 bis 251 n. Chr.) und schildert Umstände, unter denen der Römerschatz versteckt worden sein könnte.“

    Hm, das entspricht recht genau meinen Schätzungen für „ein“ katastrophales Ereignis entsprechend der gezählten Bevölkerungsentwicklung in Deutschland.

    Die eine Kurve endet zwar links bei 350 n.Chr., aber da gabs schon 10 Mann. Für 3 Überlebende kommt man dann auf das Jahr 250 🙂

    Man beachte auch die Zeitpunkte, wo jeweils 10 Mann wieder einmal in die Hände gespuckt haben müssen und sich gesagt haben, „laßt uns eine Stadt bauen“. Die weißen Bereiche sind gezählte Bevölkerungszahlen. Die oberste Gerade entspricht der Gesamtbevölkerungsanzahl Stadt + Land.

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