Wer plünderte in Monte Cassino?

Als im Herbst 1943 sich die deutsch-alliierte Front in Italien dem berühmten Kloster Montecassino, der ältesten Benediktiner-Abtei mit ihren unersetzbaren Kunstschätzen – darunter die Bibliothek mit 70.000 Bänden und das berühmte Archiv mit 80.000 Dokumenten – näherte, meldete der alliierte Rundfunk: „Die Division ‘Hermann Göring’ plündert in Montecassino“ (1) Das war eine üble Greuelmeldung. Sie entsprach nicht der Wahrheit, sondern verkehrt diese geradezu in ihr Gegenteil. Die Wirklichkeit sah nämlich so aus, wie sie ausführlich von Ernst Kubin in seinem gut recherchierten und mit genauen Belegen versehenen Buch „Raub oder Schutz?“(2) geschildert wurde.

Oberstleutnant Julius Schlegel

Als Oberstleutnant Julius Schlegel, der Führer der Instandsetzungsabteilung der Panzergrenadierdivision ‘Hermann Göring’ im Frühjahr 1943 bei einer militärischen Besprechung erfahren hatte, dass auch das Städtchen Cassino in eine neue Verteidigungsstellung einbezogen werden sollte, versuchte er, den Erzabt des Klosters, Don Gregorio Diamare, von der dem Kloster drohenden Gefahr zu überzeugen und ihn dazu zu bewegen, die Kunstschätze mit deutscher Hilfe in Sicherheit zu bringen. Der Abt wollte erst nicht daran glauben, dass die Alliierten die altehrwürdige Abtei angreifen oder gar zerstören würden. Erst nach einiger Zeit und auf wiederholtes Drängen Schlegels gab er den deutschen Mahnungen nach. Schlegels Soldaten richteten viele Kisten für den Abtransport her. Lastwagen und Treibstoff wurden trotz der schon angespannten Versorgungslage zur Verfügung gestellt. Schlegels Vorgesetzter, Divisionskommandeur Generalleutnant Conrad, stimmte ausdrücklich dem Rettungsvorhaben zu und ordnete die Bereitstellung weiterer Mittel an.

Beim Einpacken wurde den Deutschen im Kloster ‘un gran segreto’ (ein großes Geheimnis) mitgeteilt: In Neapel hatte einige Zeit vorher eine große Kunstausstellung mit Werken namhafter Galerien und Museen Italiens stattgefunden. Wegen alliierter Fliegerangriffe war sie abgebrochen worden und man hatte heimlich alle Werke in das Kloster Monte Cassino geschafft. Auch diese Gegenstände wurden nun von den Deutschen eingepackt und mit den anderen zunächst in die Villa Colle-Ferreto nahe Spoleto nördlich von Rom gebracht. Dieser Ort besaß militärisch weder taktische noch strategische Bedeutung, und im nahen Spoleto verfügte Schlegel über ein Materiallager, von wo er die benötigten Wachmannschaften stellen konnte. Die Ordensoberen in Rom wie der Vatikan waren informiert worden und hatten der Maßnahme zugestimmt.

Bis Anfang November 1943 war die Abtei geräumt, und Erzabt Diamare zelebrierte in Anwesenheit Schlegels und dessen Helfer eine Dankmesse, wobei er dem Offizier eine in lateinischer Sprache geschriebene Dankesurkunde übergab.

Der Text der Urkunde lautet frei übersetzt (nach Kubin (1):

„Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dem erlauchten und geliebten Offizier J Schlegel, der die Mönche und Schätze des heiligen Klosters Monte Cassino mit viel Arbeit und Fleiß rettete, danken aus ganzen Herzen die Cassinianenser und bitten Gott um sein weiteres Wohlergehen.

Monte Cassino am 15. November MC;XLII,  Gregoruíus Diamare m.p. O.S.B. Bischof und Abt.“

Als daraufhin die einleitend aufgeführte Gräuelmeldung der Alliierten bekannt wurde, erschien sofort die deutsche Feldgendarmerie mit zwanzig Mann unter Führung eines Offiziers bei der Division. Von Schlegel an das Kloster verwiesen und dort über den wahren Sachverhalt von den dankbaren Mönchen informiert, zogen die Ordnungshüter zufriedengestellt wieder ab.

Als Gerüchte auftauchten, die in Spoleto lagernden Kunstschätze sollten nach Deutschland transportiert werden, setzten sich auch der deutsche Botschafter beim Vatikan, Ernst von Weizsäcker, und der deutsche Oberbefehlshaber Süd, Generalfeldmarschall Kesselring, energisch für den baldigen Abtransport in den Vatikan ein.

Parallel dazu hatte sich auch der deutsche Botschafter in Rom Dr. Rolf Rahn, eingesetzt. Als er erfahren hatte, dass die in Monte Cassino eingelagerten Kunstschätze römischer Museen in Gefahr seien, durch alliierte Luftangriffe beschädigt zu werden, flog er deswegen selbst in das Führerhauptquartier nach Rastenburg in Ostpreußen und bekam die Zustimmung Hitlers, dass diese Kunstschätze nach Rom zu bringen und in die Obhut des Vatikans zu übergeben seien. Alle verantwortlichen deutschen Dienststellen bis hin zum Reichskanzler setzten sich also für die italienischen Kunstschätze ein.

Am 15. Februar 1944 geschah dann das, was die Deutschen befürchtet hatten. Alliierte Flugzeuge bombardierten die alte Abtei und legten sie mit 536 Tonnen Bomben weitgehend in Schutt und Asche – sinnlos, „denn kein bewaffneter deutscher Soldat hatte sich je im Kloster befunden.“ (4) Auch der Erzabt Diamare bezeugte später:

Ich erklärte wahrheitsgemäß, dass sich zu keinem Zeitpunkt deutsche Soldaten innerhalb der Mauern des geheiligten Klosters Monte Cassino befunden haben.“

Monte Cassino nach der Bombardierung

Die einzigartigen Kunstschätze wären bei diesem ‚Terrorangriff und den später noch erfolgenden, größtenteils vernichtet worden, wenn die Deutschen sie nicht vorher in Sicherheit gebracht hätten. Weitere Bombardements und heftige Beschießung durch die Alliierten folgten, bis der Berg in der Nacht zum 18. Mai 1944 von den deutschen Verteidigern geräumt wurde.

Während die Deutschen die wichtigsten Kunstschätze in Sicherheit gebracht und das Kloster nicht angerührt hatten, kam es bezeichnenderweise nach der Einnahme durch die Alliierten – die angeblichen „Soldaten Christi“ – tagelang zu barbarischen Plünderungen der heiligen Stätten. Kubin schreibt dazu (6):

„Kloster und Berg waren durch Granaten und Bomben gleichsam pulverisiert worden. Unglaublicherweise fanden sich dennoch Kunstwerke oder Teile davon, die alliierte Soldaten für wertvoll genug erachteten, als Souvenir mitgenommen zu werden. Die ersten sieben Tage der Besetzung der Abtei durch die alliierten Truppen wurden als „una settimana d’inferno – eine Woche der Hölle’ beschrieben. Der Benediktinermönch Eugenio de Palma, Sekretär der Abtei von Montecassino, schilderte detailliert die von den Alliierten begangenen Diebstähle. Die Untaten hätten nicht verhindert werden können, denn in vielen Fällen missachteten die Soldaten seine Anweisungen und Bitten. Vor allem neuseeländische Soldaten hätten sich der Gegenstände bemächtigt. Plünderer seien auch in die Unterkünfte der italienischen Soldaten eingedrungen und hätten jene Wertgegenstände an sich genommen, die dort aus Sicherheitsgründen aufbewahrt worden waren. Gruppen neuseeländischer Soldaten seien erschienen, ausgestattet mit Sägen, mit denen sie Teile des Hozschnitzwerkes aus dem beschädigten Chorgestühl der Hauptkirche herausschnitten.  Sie hatten die Ruinen gezielt in der Absicht besucht, „Souvenirs“ zu erbeuten, und so gleich nach dem Museum, der Schatzkammer oder nach einem „Köpfchen“ als Andenken gefragt. … Auch Pickel hätten sie mitgebracht, mit deren Hilfe sie Mosaikteile herausbrachen.“

Kubin zitiert auch den Bericht des mit einer Aufnahme der Vorgänge beauftragten US-Colonel Henry C. Newton (7):

„Das letzte Beispiel einer solchen Plünderung ereignete sich zwei Tage vor meiner Inspektion. Unter den Marmorstatuen befand sich ein repräsentativer Heiliger Peter … eine schöne Skulptur, die unbeschädigt entdeckt wurden war.   Diese Statue wurde ganz offensichtlich durch Soldaten zu dem Zweck geköpft, um den Kopf als Souvenir mitzunehmen. Das Antlitz anderer Statuen aus dem 13. Jahrhundert wurde durch Schlagwerkzeuge und Schanzgeräte in der Absicht zerstört, sich Teile des Gesichtes anzueignen.“

Polnischer Soldat

Es bedarf angesichts dieser Tatsachen keines Kommentars mehr, wer hier abendländische Kunstschätze rettete und wer sie anderseits zerstörte oder stahl, auf welcher Seite also die Kriegsverbrecher und Kulturzerstörer zu suchen waren.

Oberstleutnant Schlegel, der den Krieg überlebte, wurde nach Kriegsende wegen der Rettungstat als Kriegsverbrecher verdächtigt und beschuldigt, sieben Monate deswegen inhaftiert und jahrelang seiner Wohnung beraubt. Im Jahre 1952 wurde er jedoch als Ehrengast des dankbaren Abtes der Benediktiner nach Rom eingeladen, und Monte Cassino bereitete dem Retter seiner Kunstschätze dann einen begeisternden Empfang. (8)

Monte Cassino heute

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Fußnoten:

1 Ernst Kubin „Raub oder Schutz? Der deutsche militärische Kunstschutz in Italien“, Leopold Stocker Verlag, Graz 1994, S. 69

2 Ebenda S. 68 – 76

3 Ebenda S. 71 ff Andere Angaben der Division ‘Hermann Göring’ wollten ihrem Schirmherrm etwas von den sichergestellten Kunstschätze zum Geburtstag schencken, und gelang ihnen auch, einige Teile nach Deutschland zu transportieren. Doch Göring lehnte die Annahme ab. Die Kunstwerke gelangen dann über Berlin und Zwischenlagerung im Kunstdepot des Salzbergwerks bei Altaussee nach Kriegsende wieder nach Italien.

4 Ebenda S. 74

5 Zitiert in Janusz Piekalkiewicz „Die Schlacht von Monte Cassino“, Bastei Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1982, S. 139

6 Kubin aaO (Anm. 1) S. 74 f

7 Henry C Newman „Report on the Bombing of the Abbazie di Montecassino“ vom 20 August 1944, National Archive Washington zit auch bei Kubon aaO S 75f

8 Kubin aaO (Anm. 1) S. 74

Dem deutschen militärischen Kunstschutz in Italien kann attestiert werden, dass seine Mitglieder stets korrekt handelten. Sieht man von der Bereitschaft Langdorffs ab, die beiden Cranach-Bilder Adam und Eva ins Reich zu bringen – eine Absicht, die nie realisiert wurde — hatte der deutsche militärische Kunstschutz in Italien an keiner Aktion teilgenommen, die auf eine unrechtmäßige Entfernung oder Aneignung italienischer Kunstwerk eabzielte. Diesbezüglich anders lautende Behauptungen, insbesondere des italienischen Presse und Sivieros verfolgen andere Ziele, als der Wahrheit zu dienen.

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Entnommen aus: Ernst Kubin: „Raub oder Schutz“, Leopold Stoicker Verlag, Graz 1995 S. 201

5 Gedanken zu “Wer plünderte in Monte Cassino?

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