Stalins geheime Kriegspläne – Warum Hitler in die Sowjetunion einmarschierte

Artikel aus The Barnes Review, Nov.-Dez. 2000, S. 27-33.

„Als die deutschen Streitkräfte am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion einmarschierten, beschrieb Berlin die Offensive als Vorbeugungsschlag angesichts der drohenden sowjetischen Aggression. Diese Behauptung wurde allgemein als Nazipropaganda abgetan. Kürzlich freigegebene Beweise aus sowjetischen Quellen legen jedoch nahe, daß Moskaus Außenpolitik nicht von Neutralität gelenkt wurde, als in Europa 1939 der Krieg ausbrach.“

Die Sowjetunion wurde als geächteter Staat angesehen, weil sie etablierte soziale und politische Strukturen durch internationale Unterwanderung, bewaffnete Gewalt und Terrorismus herausforderte. Sie befürwortete den Sturz aller kapitalistischen Regime und unterstützte antikoloniale „Unabhängigkeitsbewegungen“ in unterentwickelten Gebieten. „Dies wird zweifellos die herrschenden Klassen der Großmächte gegen uns provozieren“, sagte 1929 der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Josef Stalin, vor dem Zentralkommitee.

Während der 1930er Jahre beobachtete Stalin, der jetzt der Diktator der UdSSR war, wie das erstarkte Deutschland unter der Führung Adolf Hitlers daran arbeitete, die Nachkriegsstruktur Europas zu revidieren, die ihm von den Vereinigten Staaten, England und Frankreich auferlegt wurde. Stalin und Hitler befanden sich somit beide im Gegensatz zum Westen.

Die UdSSR war ein Agrarstaat, reich an Bodenschätzen, und mühte sich mit dem Übergang zu einer Industriemacht ab. Mehr als die Hälfte der notwendigen Industrieausrüstung wurde in den Vereinigten Staaten gekauft. Deutschland überlebte wirtschaftlich, indem es Gebrauchsgüter und Industriegeräte gegen Rohmaterial austauschte. Für eine deutsch-sowjetische Zusammenarbeit war ein fruchtbarer Boden vorhanden.

Am 3. Mai 1939 gab Stalin dem Außenkommissar der UdSSR, Maxim Litvinow, den Laufpaß. Da Litvinow zuvor eine Allianz mit der Tschechoslowakei und Frankreich abschloß, wurde er mit Moskaus antideutscher Politik jenes Jahrzehnts identifiziert. Sein Ersatz durch Vjatscheslaw Molotow durch Stalin wurde als eine Geste gegenüber Deutschland anerkannt. Nur Tage später dankte Georgi Astachow, der diplomatische Berater der Sowjetunion, in Berlin dem deutschen Außenministerium für den respektvollen Tenor, den die Presse des Reiches kürzlich gegenüber der UdSSR angenommen hatte.

In jenem Frühjahr luden London und Paris Moskau ein, eine anglo-französische Garantie mitzuunterzeichnen, die Polen und Rumänien vor deutscher Aggression schützen sollte. Die Sowjets machten ihre Zustimmung davon abhängig, daß Polen und Rumänien den sowjetischen Truppen das Durchmarschrecht im Kriegsfall gewähren. Polen weigerte sich. Die sich hinziehenden sowjetisch-alliierten Verhandlungen wurden vom Westen halbherzig geführt; seine militärischen Ratgeber hatten eine negative Einschätzung der Roten Armee.

Moskau war am 12. August der Gastgeber für eine anglo-französische Militärmission. Die Sowjetunion wurde durch den Chef des Generalstabes Boris Schaposchnikow, Verteidigungskommissar Kliment Woroschilow und dem Flottenminister Admiral Nikolai Kusnezow vertreten. Der Westen entsandte Unterhändler zweiten Ranges mit begrenzten Befugnissen. Die Sowjets waren beleidigt.

Im August entschied sich Stalin für ein Übereinkommen mit Hitler. Ein Nichtangriffspakt mit Deutschland sicherte der Sowjetunion spürbare Vorteile. Die Sowjets würden Ostpolen zurückgewinnen, das früher zum zaristischen Rußland gehört hatte. Die Deutschen versprachen Unterstützung für die Ansprüche der UdSSR auf Bessarabien und stimmten zu, daß die osteuropäischen baltischen Staaten und die Balkanstaaten zu der sowjetischen „Einflußsphäre“ gehörten.

Deutschland bereitete sich darauf vor, in Polen einzumarschieren, sollte ein Gebietsstreit und damit verwandte Mißstände eine friedliche Lösung unmöglich machen. England und Frankreich unterstützten Polen. Stalin dachte, daß wenn er einen Militärvertrag mit dem Westen abschließen würde, diese mächtige Koalition Hitler möglicherweise davon abhalten würde, Krieg zu führen.

Ein deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt würde jedoch Hitler freie Hand geben, in Polen einzumarschieren. England, als Polens Verbündeter, würde Deutschland den Krieg erklären, das zögernde Frankreich in den Brand mit hineinziehen und Italien würde an Hitlers Seite stehen. Die sowjetische Formel für die nationale Sicherheit beruhte darauf, sich widerstreitende Interessen unter den „imperialistischen“ Nationen zu verschärfen und Neutralität zu bewahren, während diese Staaten ihre Hilfsquellen in einem verlängerten Kampf verbrauchten.

Stalin erklärte die Prämisse in seiner Rede vom 10. März 1939 in Moskau:

„Eine Nichteinmischung vertritt das Bestreben… den Kriegstreibern die Gelegenheit zu geben, sich tief in den Sumpf des Krieges zu verstricken, sie insgeheim anzutreiben. Das Ergebnis wird sein, daß sie sich gegenseitig schwächen und erschöpfen. Dann… (werden wir) mit frischen Kräften auf der Bildfläche erscheinen und – natürlich „im Interesse des Friedens“ – einschreiten, um den geschwächten Kriegführenden die Bedingungen zu diktieren.“

Am 23. August 1939 war der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop in Moskau. Er und Molotow unterzeichneten den historischen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Am folgenden Abend bewirtete Stalin prominente Mitglieder des sowjetischen Politbüros in seiner Wohnung. Unter den Gästen befanden sich Molotow, Woroschilow, Lawrenti P. Beria und Nikita Kruschtschow.

Wie sich Kruschtschow später erinnerte, erklärte Stalin, daß er den Krieg mit Deutschland als unvermeidlich ansah, aber vorübergehend Hitler überlistet hatte und damit Zeit gewann. Der Sowjetpremier beschrieb den Vertrag mit Deutschland als ein Spiel des „Wer wen übervorteilt“. Er schloß daraus, daß die Sowjetunion sowohl moralisch wie auch militärisch im Vorteil war. Ein paar Monate später erklärte das sowjetische Außenministerium Stalins Entscheidung in einem Telegramm an seine Botschaft in Tokio:

„Die Ratifizierung unseres Vertrages mit Deutschland wurde durch die Notwendigkeit diktiert, einen Krieg in Europa zu haben.“

Am 25. August 1939 veröffentlichte die schweizer Zeitschrift Revue de droit international den Text einer Rede, die Stalin am 19. August in einer geschlossenen Sitzung des Politbüros in Moskau hielt. Er wurde wie folgt zitiert:

„Es muß unser Ziel sein, daß Deutschland lange genug Krieg führt, um England und Frankreich so sehr zu schwächen, daß sie Deutschland nicht allein besiegen können…. Sollte Deutschland gewinnen, wird es selbst so geschwächt sein, daß es nicht in der Lage sein wird, in den nächsten 10 Jahre gegen uns Krieg zu führen…. Es ist für uns von höchster Wichtigkeit, daß dieser Krieg so lange wie möglich dauert, bis beide Seiten ermattet sind.“

Im November erwiderte Stalin in der Prawda, daß der schweizer Artikel ein „Haufen von Lügen“ sei. (Der russische Forscher T. S. Buschuyewoy entdeckte Stalins Originaltext 1994 in den ehemaligen sowjetischen Archiven; er stimmte mit der schweizer Version überein.)

Innerhalb der UdSSR war ein intensives Rüstungsprogramm im Gange. 1938 stieg es um 39 Prozent an, verglichen mit 13 Prozent in der Zivilindustrie. Der Schwerpunkt befand sich bei der Herstellung von Panzern, der Entwicklung der Artillerie und der Flugzeugproduktion. Im September 1939 ordnete das Verteidigungskomitee der UdSSR den Bau von neun Flugzeugfabriken an und sieben weiteren zur Produktion von Flugzeugmotoren.

Dies wurde ergänzt durch die Umstellung einer Anzahl von Zivilgüterfabriken auf die Herstellung von Bauteilen für die Flugzeugindustrie. 1940 stieg die sowjetische Produktion von modernen Kampfflugzeugen um über 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Erdkampftruppen erfuhren eine parallele Steigerung in ihrer Bewaffnung. Zwischen Januar 1939 und Juni 1941 erhielt die Rote Armee über 7.000 neue Panzer und 82.000 Artilleriegeschütze (einschließlich Minenwerfern).

Am 26. Juni 1940 wurde ein Gesetz erlassen, das den sowjetischen Arbeitstag von sieben auf acht Stunden und auf sieben Tage die Woche festlegte. Disziplinarprozesse wegen Langsamkeit und Faulheit in den Fabriken wurden gegen die Arbeitskräfte gerichtet. Diese Maßnahmen werden normalerweise während Kriegszeiten angewendet.

Aushebung zum Militärdienst ließ die Reihen der Roten Armee anschwellen. Eine Streitmacht, die im Frühjahr 1938 1 Million Männer betrug, überschritt bis zum Juni 1941 5 Millionen. Das Wachstum wurde von dem Historiker Roger Reese zusammengefaßt:

„1941 gab es 198 Schützendivisionen, verglichen mit weniger als 30 im Jahre 1927; 31 motorisierte Schützendivisionen 1941 und keine 1927; 61 Panzerdivisionen 1941 und keine bis 1939.“

Der Geist, der das Militär erfüllte, wurde in der revidierten 1939er Ausgabe der Felddienstvorschrift der Roten Armee erläutert. Sie stellte fest, daß wenn Sowjetrußland der Krieg „aufgezwungen“ werden sollte,

„[w]erden wir den Krieg offensiv führen und ihn auf das Territorium des Feindes tragen.“

Im Dezember 1938 übermittelte der U.S.-Militärattaché in Schweden seine Einschätzung der Roten Armee an das Kriegsministerium:

„Die Soldaten sind praktisch alle Bauern und gewöhnliche Arbeiter…, die mit einem konstanten Strom von Propaganda gefüttert werden, die die Tugenden des Kommunismus preist und ihnen versichert, daß sie in der Gegenwart einige Opfer bringen, damit er schließlich in der ganzen Welt triumphieren kann. Unglaublich einfältig und in totaler Unkenntnis über die Bedingungen außerhalb Rußlands gehalten, sind viele von ihnen wirklich nahezu fanatisch in ihrem Eifer für das, was ihnen als heiliger Kreuzzug vorgegaukelt wurde, um ihre eigene Klasse vor den schurkischen Unterdrückern zu erretten.“

Der Krieg in Europa entwickelte sich nicht wie Stalin vorausgesagt hatte. Im Frühjahr 1940 zogen sich die Engländer vom Kontinent zurück. Die deutsche Armee eroberte Frankreich im Juni ohne nennenswerte Verluste. Der Erdkampf endete, ohne daß England und Deutschland „genügend erschöpft“ waren. Kruschtschow beschrieb später, wie Stalin nach dem französisch-deutschen Waffenstillstand im Juni 1940 ungewöhnlich erregt wurde. Er verfluchte die Franzosen, weil sie sich schlagen ließen und die Engländer, weil sie geflohen waren „so schnell sie ihre Füße trugen.“

Nur wenige Tage vor der Kapitulation Frankreichs bemächtigten sich die Sowjets eines großzügigen Teils von Osteuropa. Im September und Oktober 1939 hatte die Sowjetregierung mit Litauen, Lettland und Estland die Einwilligung zur Einrichtung von Militärstützpunkten in ihren Ostseehäfen ausgehandelt. Im Juni 1940 machte Molotow dem litauischen Premierminister Anastas Merkys Vorwürfe wegen der angeblichen schlechten Sicherheitsmaßnahmen für die Sowjetgarnison; ein Soldat der Roten Armee war angeblich überfallen worden. Am 14. Juni übergab Molotow dem litauischen Außenminister ein Ultimatum, das Verstärkungen für das sowjetische Truppenkontingent verlangte, um weitere „Provokationen“ zu verhindern. Die winzige Republik willigte ein.

Ähnliche Ultimaten wurden Lettland und Estland gestellt. Am 21. [Juni] wurden die baltischen Staaten nach Scheinwahlen zu Sowjetrepubliken erklärt. Molotow sagte dem litauischen Außenminister am 30. Juni,

„Jetzt sind wir mehr als je davon überzeugt, daß der brillante Kamerad Lenin nicht unrecht hatte, als er behauptete, daß der Zweite Weltkrieg uns an die Macht in Europa bringen wird, genau wie der Erste Weltkrieg uns in Rußland an die Macht brachte.“

Als Moskau am 23. Juni seine Forderung präsentierte, Bessarabien, die ehemalige östliche Provinz von Rumänien, wieder zu besetzen, sagte Ribbentrop Deutschlands Unterstützung zu. Er bat nur, daß die Unabhängigkeit des verbleibenden rumänischen Gebietes respektiert werde, um die wirtschaftlichen Interessen des Reiches zu sichern.

Verteidiger der UdSSR – und sie sind zahlreich unter den Historikern und Soziologen in den demokratischen Ländern – entschuldigen diese sowjetischen Gebietsräubereien als defensive Maßnahmen. Die Gefahr einer möglichen deutschen Aggression zwang angeblich Moskau dazu, die Grenzen der UdSSR auszuweiten, um den Stoß einer deutschen Offensive abzustumpfen. Diese Prämisse ignoriert die Tatsache, daß die sowjetischen Operationen im Baltikum und in Bessarabien sich gegenüber einer eigentlich unverteidigten deutschen Grenze ereigneten. Vier deutsche Infanteriedivisionen und sechs Reservedivisionen schützten die Demarkationslinie zur Sowjetunion. Zwei wurden im Juni an die westliche Front verlegt.

Stalin besaß ein glänzendes Spionagenetzwerk, das ihn durchweg über die deutschen Pläne vorwarnte. Seinen Spionen konnte es nicht entgangen sein, zu beobachten (und zu berichten), daß es zu jener Zeit keine deutschen Überlegungen für eine Invasion der UdSSR gab. Die Stimmung in Fremde Heere Ost, der Abteilung im Generalstab die zuständig für die Rote Armee war, wurde im Juli 1940 von Major Erich Helmdach, der dort postiert war, beschrieben:

„Ich fand wirkliche Friedensbedingungen in der Abteilung vor. Der Luftkrieg gegen England erzeugte weit größeres Interesse. Es gab keine Spur von „Kriegsvorbereitungen“, außer daß ein Sowjetfilm, Der Durchbruch durch die Mannerheimlinie, ein Dokumentarfilm über den sowjetischen Winterkrieg in Finnland, den Generalstabsoffizieren vorgeführt wurde. Die Zusammenfassung des Filmes von Oberst (Eberhard) Kinzel war einzig auf verächtliche Beobachtungen über die militärischen Leistungen der Roten Armee und ihre veralteten Waffen begrenzt.“

Wie wenig die Sowjets selbst den Vorwand der „nationalen Sicherheit“ ernst nahmen, wird durch Molotows Bemerkungen erhellt, die er in einer Rede vor dem Obersten Sowjet am 1. August 1940 machte. Indem er die erfolgreiche Außenpolitik der UdSSR erwähnte, stellte er fest, daß die Sowjetunion sich nicht mit dem zufriedengeben solle, was erreicht worden sei. In Stalins Worten, verkündete der Außenkommissar, muß die Nation einen Zustand der Mobilisation aufrechterhalten, um weitere Erfolge zu erringen:

„Wir werden neue und sogar noch glänzendere Siege für die Sowjetunion erringen.“

In jenem Sommer verschlechterten sich die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland. Als die Sowjets politischen Druck ausübten, um die Kontrolle über Finnlands Nickelproduktion zu gewinnen (die Deutschen hatten einen Vertrag abgeschlossen, 75 Prozent der Produktion zu kaufen), besetzte Hitler die finnischen Nickelminen bei Petsamo mit Elitegebirgsjägern. Nachdem die Rote Armee Bessarabien besetzte, unterschrieb der Führer einen Vertrag mit Bukarest, der versprach, Rumänien gegen eine Aggression zu schützen.

Im November 1940 reiste Molotow nach Berlin, um mit Hitler und Ribbentrop zu verhandeln. Während der Gespräche kritisierte der sowjetische Besucher hartnäckig die deutsche militärische Gegenwart in Finnland und die Garantie, die Sicherheit Rumäniens zu schützen. Dies, so protestierte er, war eine Verletzung der sowjetischen Einflußsphäre. Allen vermittelnden Gründen, die von Hitler angeführt wurden, widerstand Molotow. Der Katalog der Forderungen für den sowjetischen Vorrang in praktisch jeder Gegend, in welcher Deutschland und die Sowjetunion Interessen hatten, der Molotow während der letzten Sitzung auf Ribbentrop häufte, machte aus dem diplomatischen Austausch ein Fiasko.

Es erhebt sich die Frage, was Molotow durch diese Verhandlungen zu erreichen suchte, indem er offenkundig nicht annehmbare Forderungen stellte. Der zeitgenössische deutsche Historiker Walter Post bietet diese Analyse:

„Moskau mußte befürchten, daß England entweder durch eine deutsche amphibische Operation erledigt würde, oder wegen seiner militärischen Schwäche und miserablen finanziellen Lage sich bereit finden würde, mit dem Reich einen friedlichen Kompromiß zu suchen. Die Sowjetunion würde dann allein dastehen gegen ein Deutschland, das die Hilfsquellen des ganzen europäischen Kontinents kontrollierte. Weiterhin sah die Sowjetunion die Gefahr einer Zusammenarbeit aller kapitalistischen Mächte, einschließlich der Angelsachsen, gegen die UdSSR. Um diese Möglichkeit zu verhindern, mußte England ermutigt werden, den Krieg fortzuführen…. Um diese Hoffnung zu stärken und eine deutsche Landungsoperation gegen England zu verhindern, mußte Moskau einen Konflikt mit Deutschland suchen. Durch die Bedrohung einer sowjetischen Ausdehnung in Richtung Skandinavien und dem Balkan konnte Hitler die Operation Seelöwe (den Invasionsplan gegen England) nicht riskieren. Statt dessen mußte er starke Formationen seiner Streitkräfte nach dem Osten verlegen, um Deutschlands Versorgungsquellen von Nickel, Bauholz und Getreide zu schützen.“

Im Dezember 1940 gelangte die sowjetische Spionage in den Besitz einer streng geheimen Anweisung, die am 18. vom Führer entworfen worden war. Sie fing mit den Worten an,

„Die deutschen Streitkräfte müssen darauf vorbereitet werden, die Sowjetunion sogar noch vor Beendigung des Krieges gegen England in einem schnellen Feldzug zu besiegen.“ 

Das Dokument enthielt allgemeine militärische Operationsziele im Osten und legte fest, daß die Vorbereitungen bis zum 15. Mai 1941 abgeschlossen sein müßten.

Ende 1940 wandte sich die Aufmerksamkeit Hitlers nach Südosteuropa. Deutschland war die einzige große Macht, die in der Lage war, den Balkan vor einer sowjetischen Aggression zu schützen. Dies war dienlich für Ribbentrops Bemühungen, Ungarn und Rumänien zu überzeugen, dem Dreimächtepakt, der deutsch-italienischen Allianz, im November 1940 beizutreten. Bulgarien folgte am 1. März 1941.

Hitlers Zweck war, lokale Grenzstreitigkeiten zu schlichten und dringend um die Zustimmung zu bitten, eine Armee durch Rumänien und Bulgarien zu transportieren, um Griechenland anzugreifen. Molotow bombardierte die deutsche Botschaft in Moskau mit offiziellen Protesten. Deutschland, schalt er, hatte im Nichtangriffspakt vom August 1939 anerkannt, daß diese Staaten zur sowjetischen Einflußsphäre gehörten. (Die Besetzung der baltischen Staaten durch die UdSSR im Juni 1940 zeigte, wie Moskau die Klassifikation „Einflußsphäre“ auslegte.)

Eine noch schärfere Konfrontation entwickelte sich wegen Jugoslawien. Obwohl sein Regierungskabinett dem deutschen Druck nachgab, dem Dreimächtepakt beizutreten, erhielten Faktionen innerhalb der Regierung und des Militärs geheime Unterstützung von England, den Vereinigten Staaten und Sowjetrußland. Dem britischen Außenminister Anthony Eden wurde während einem Besuch in Ankara vom jugoslawischen Botschafter gesagt, daß Moskau ihm versichert hatte, daß wenn Jugoslawien von den Deutschen angegriffen würde, die UdSSR bereit sei, den Verteidigern zu helfen.

Am 27. März 1941 wurde die prodeutsche jugoslawische Regierung durch einen Staatsstreich gestürzt. Hitler wies seinen Generalstab an, eine Invasion vorzubereiten. Die deutsche Armeegruppe, die in Bulgarien stand, um nach Griechenland vorzustoßen, würde gleichzeitig in Jugoslawien einmarschieren und von anderen deutschen Streitkräften unterstützt werden, die in Süddeutschland aufmarschiert waren.

Die neue jugoslawische Regierung strebte eine militärische Allianz mit der UdSSR an. Jugoslawiens Botschafter in Moskau, Milan Gavrilowik, wurde von Stalin gesagt,

„Ich hoffe, daß Ihre Armee die Deutschen für eine lange Zeit aufhalten kann. Sie besitzen Berge und Wälder, in denen Panzer unwirksam sind.“ 

Er drängte die Jugoslawen, einen Partisanenkrieg zu organisieren. Gavrilowik wurde dann zu Molotow abgeschoben, der ihm erklärte, daß er ein

„Opfer eines Mißverständnisses sei, da es nie die Absicht gab, ein Militärbündnis mit Jugoslawien abzuschließen oder Jugoslawien militärisch zu unterstützen.“ 

Die Formationen der Roten Armee an der westlichen Grenze wurden lediglich vier Tage lang in Kampfbereitschaft versetzt, nachdem die Deutschen im April Jugoslawien angriffen. Dies geschah in der Absicht, Hitler dazu zu zwingen, seine Verteidigung gegenüber der UdSSR zu verstärken und den Druck auf die jugoslawische Armee zu verringern.

Dieses Säbelrasseln der Sowjets war eine seltene öffentliche Offenbarung der sowjetischen militärischen Anwesenheit in der westlichen Zone. Im allgemeinen verleugneten die sowjetischen Medien die Truppenkonzentrationen entlang der Grenze. Das Verteidigungskomitee hatte seit dem Sommer 1940 heimlich Kampfdivisionen dorthin verlegt. Im April 1941 wurde den Militärdistrikten im Ural und in Sibirien befohlen, mehr Formationen freizustellen. Am 13. Mai wurden weitere 28 Divisionen, neun Korpshauptquartiere und vier Armeehauptquartiere aus dem russischen Inneren verlegt. Laut jüngsten Schätzungen der russischen Archive hatten die russischen Streitkräfte bis Juni 2,7 Millionen Mann in der Nähe der westlichen Front aufgestellt, was 177 Divisionen gleichkam.

Diese enorme Streitmacht verfügte über 10.394 Panzer, von denen über 1.300 zu den gewaltigen Typen KV und T-34 gehörten. Die Armee wurde von nahezu 44.000 Artilleriegeschützen und Minenwerfern unterstützt. Über 8.000 Kampfflugzeuge besetzten die Feldflugplätze an der Grenze. Die westlichen Militärdistrikte richteten Kommandoposten in Grenznähe ein. Armeestäbe und Frontverwaltungspersonal wurden Mitte Juni dorthin verlegt.

Einhundert Sowjetdivisionen wurden allein im östlichen Polen stationiert. Ein großer Teil der gepanzerten und motorisierten Formationen stellten sich nahe Bialystok und Lwow hinter den geographischen Ausbuchtungen auf, die sich westwärts entlang der deutsch-russischen Demarkationslinie befanden. Ivan Bagramjan, 1941 Oberst in der Roten Armee, kommentierte 1972 in einem Buch über die Truppenverteilung in der Gegend von Lwow:

„Wir betrachteten sie als ein vorzügliches Aufmarschgebiet im Falle wir weitverbreitete offensive Operationen einleiten müßten. Es war kein Zufall, daß zwei unserer voll aufgefüllten und am kampfbereitesten motorisierten Korps, das vierte und das achte, dort konzentriert waren.“

Was die Gegend von Bialystok betraf, bot später der sowjetische Generalmajor Pjotr Grigorenko diese Perspektive an:

„Mehr als die Hälfte der Truppen des Westlichen Besonderen Militärdistrikts waren um Bialystok und zum Westen hin stationiert und damit in einem Territorium, das wie ein Keil tief in das des möglichen Gegners reichte. Eine Truppenverteilung dieser Art würde nur gerechtfertigt gewesen sein… wenn diese Truppen dafür vorgesehen gewesen waren, einen Überraschungsangriff auszuführen. Sonst würde die Hälfte von ihnen im Nu umzingelt gewesen sein.“

Die Philosophie der Roten Armee war auf den Angriff ausgerichtet. Der Chef des Generalstabes, Georgi Schukow, beschrieb die Ausbildung an der Akademie des Generalstabes:

„Die Teilnehmer an dem Kursus wurden instruiert, daß Kriege nicht länger erklärt würden; der Angreifer strebt viel mehr danach, daß alle Vorteile eines Überraschungsangriffs gesichert sind…. Die Strategie der Kriegführung ist vor allem verankert in der richtigen These, daß der Aggressor nur durch offensive Operationen geschlagen werden kann. Andere Aspekte der Kriegführung, wie z.B. Gegenangriffe, Rückzugskämpfe und Operationen im Falle einer Umzingelung, wurden mit wenigen einzelnen Ausnahmen nur nebenher behandelt.“

Im Mai 1941 erarbeiteten Schukow und Marschall Semjon Timoschenko eine Operationsstudie zur Aufstellung der Roten Armee für den Kriegsfall mit Deutschland. Sie gründete sich auf einen ursprünglichen Plan, der Stalin im vergangenen September unterbreitet worden war. Das Dokument schloß die folgenden Empfehlungen ein:

„Insgesamt können Deutschland und seine Alliierten 240 Divisionen gegen die Sowjetunion aufstellen. Wenn man in Rechnung stellt, daß Deutschland durch die Anordnung seiner rückwärtigen Dienststellen seine Armee jederzeit in Bereitschaft halten kann, könnte es uns zuvorkommen und einen Überraschungsangriff ausführen. Um dies zu verhindern und die deutsche Armee zu schlagen, erachte ich es als notwendig, die Initiative unter keinen Umständen dem deutschen Oberkommando zu überlassen, sondern dem Feind zuvorzukommen und dann die deutsche Armee anzugreifen, wenn sie in Bereitschaft gestellt wird und noch keine Front eingerichtet hat und Kampfhandlungen seiner alliierten Streitkräfte noch nicht organisieren kann.“

Am 5. Mai besuchten Stalin und ausgewählte Sowjetwürdenträger eine Abschlußfeier der Frunse Militärakademie in Moskau. Während des anschließenden Banketts brachte er mehrere wortreiche Trinksprüche aus. Eine gekürzte Abschrift von Stalins Bemerkungen dieses Tages wurde durch den russischen Historiker Lev Besjemski endlich 1992 aus den sowjetischen Archiven zutage gefördert und in der Märzausgabe der Zeitschrift Osteuropa der Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht.

Stalin lobte die Modernisation der Roten Armee. Er tadelte General Michail Chosin, den Direktor der Frunse Akademie, weil er einen Trinkspruch auf die friedensliebende Außenpolitik der UdSSR ausgebracht hatte. Der Diktator ersetzte den unerwünschten Spruch mit diesen Worten:

„Jetzt, da wir stark geworden sind, muß man von der Verteidigung zum Angriff übergehen. Um die Verteidigung unseres Landes zu bewerkstelligen, sind wir verpflichtet, die Offensive zu ergreifen…. Wir müssen unsere Belehrungen reformieren, unsere Propaganda, unsere Agitation, unsere Presse mit einen Angriffsgeist durchdringen. Die Rote Armee ist eine moderne Armee und eine moderne Armee ist eine offensive Armee.“

Die russischen Archive haben nie den unzensierten Text von Stalins Rede bei der Abschlußfeier veröffentlicht. Die ausgelassenen Stellen können jedoch durch die Aussagen von vier Sowjetoffizieren enthüllt werden, die der Feier beiwohnten. Major Iwan Jewstifejew, Major Pissmeny, Generalmajor Andrei Naumow und Generalmajor Wassili Malyschkin, die von den Deutschen gefangengenommen wurden, hatten miteinander während der Gefangenschaft keinen Kontakt, aber ihre Erinnerungen an Stalins Bemerkungen sind praktisch identisch.

Die Zeugen sagten aus, daß Stalin die „Besetzung“ Bulgariens und den Transport von Truppen nach Finnland als „Gründe für einen Krieg gegen Deutschland“ bezeichnete. In einer Diskussion der Bereitschaft der Roten Armee kündigte Stalin ihren beabsichtigten Zweck an:

„Für uns sind die Kriegspläne fertig… Im Verlauf der nächsten zwei Monate können wir den Kampf gegen Deutschland beginnen. Es mag Sie überraschen, daß ich Ihnen unsere Kriegspläne bekanntgebe, aber es muß sein. Wir müssen diesen Schritt tun zu unserem Schutz und um Rache zu nehmen für Bulgarien und Finnland. Es gibt ein Friedensabkommen mit Deutschland, aber das ist nur eine Illusion, ein Vorhang, hinter dem wir arbeiten können.“

Am selben 5. Mai erhielt die militärische Propagandaabteilung die Richtlinien für

„die Aufgaben der politischen Propaganda für die Rote Armee in der unmittelbaren Zukunft.“

Der Umriß stellte fest, daß die

„Mitglieder der Roten Armee auf einen gerechtfertigten, offensiven Krieg vorbereitet sein müssen.“

Er setzte weiter fest

„die gegenwärtige Auffassung unter vielen Soldaten der Roten Armee, ihrer Kommandeure und politischen Kader, daß die deutsche Armee… vernichtet werden muß.“

Zehn Tage später diktierte Stalin eine persönliche Direktive für die Rote Armee:

„Die gegenwärtige internationale Lage, die mit unvorhersehbaren Möglichkeiten erfüllt ist, verlangt revolutionäre Entschiedenheit und andauernde Bereitschaft, einen vernichtenden Angriff auf den Gegner in Gang zu bringen…. Die Soldaten müssen im Geist eines aktiven Hasses gegen den Feind und in dem Bestreben geschult werden, den Kampf gegen ihn aufzunehmen und bereit zu sein, unser Vaterland auf dem Territorium des Feindes zu verteidigen und ihm einen tödlichen Schlag zu versetzen.“

Entlang der Grenze massierten sich die deutschen und sowjetischen Armeen zu einer bevorstehenden Konfrontation. Deutsche Aufklärungsflugzeuge flogen häufig, um die Rote Armee zu überwachen. Stalin erließ strikte Befehle, die seinen Truppen verboten, auf sie zu feuern. Das sowjetische Heer, das von der deutschen Aufklärung weit unterschätzt wurde, fuhr damit fort, sich zu vergrößern. „Die gesamte Reservekapazität des ganzen nationalen Eisenbahntransportsystems wurde von dieser großen Geheimoperation in Anspruch genommen“, bemerkte der ehemalige sowjetische Stabsoffizier Viktor Surowow. Er weist darauf hin, daß diese große Sowjetmacht nicht, wie es Molotow behauptete, sich im Westen zu Sommermanövern versammelt haben konnte.

„Die mobilisierten Divisionen hätten nicht in die entfernten Gebiete zurückkehren können, aus denen sie kamen. Solch ein Unternehmen würde wieder für viele Monate die ganzen Hilfsquellen des Eisenbahnnetzes in Anspruch genommen haben und hätte in einer Wirtschaftskatastrophe geendet.“

Die Beschaffenheit dieser Formationen wurde 1990 in Suworows Buch Der Eisbrecher erleuchtet:

„Grundlage der sowjetischen Strategie war die Theorie von der „Operation in der Tiefe“…. Die Stoßarmee sollte… solche Schläge in der Tiefe bewerkstelligen. Aufgestellt, um offensive Aufgaben zu lösen, hatten diese Stoßarmeen… eine beachtliche Menge von Artillerie und Infanterie, deren Zweck es war, die Verteidigung des Gegners zu durchbrechen, und ein bis zwei mechanisierte Korps zu je 500 Panzern… Am 21. Juni 1941 entsprachen sämtliche sowjetischen Armeen an der deutschen und rumänischen Grenze… den sowjetischen Standardnormen für Stoßarmeen.“

Es war nicht möglich, solch eine überwältigende militärische Gegenwart zum Schutz gegen eine mögliche deutsche Invasion auf die Dauer zu unterhalten. Die Gegend bot keine ausreichenden Unterkünfte für den Winter und es gab einen Mangel an Übungsmöglichkeiten wie Schießplätze, um die Kampfbereitschaft der Armee zu aufrechtzuerhalten. Schaposchnikow selbst hatte die Notwendigkeit betont, die Soldaten kurz nach dem Aufmarsch an der Grenze zur Aktion zu bringen; nicht nur verlieren sie sonst ihr Gefühl der Kampfbereitschaft, sondern eine solche Truppenansammlung kann nur für eine begrenzte Zeit vor dem möglichen Gegner geheimgehalten werden.

Weder politische noch militärische Dokumente sind verfügbar, die das Datum für einen Überraschungsangriff gegen Deutschland festlegen. Sowjetische Offiziere, die während der Kämpfe gefangengenommen wurden, sagten aus, daß viele den Befehl zum Angriff im August oder September 1941 erwarteten. Einige sagten aus, daß die Angriffshandlungen für Anfang Juli geplant waren.

Die sowjetische Führung sah sich jedoch einer ernsten Sorge gegenüber. Stalin erhielt Berichte, daß die Deutschen sich auf eine Invasion der Sowjetunion im Juni vorbereiteten. Seine Armee an der Front war in einer fieberhaften Umorganisation begriffen. Einheiten bekamen neue Verordnungen, das Ausbilden der Rekruten war im Gange, viele Formationen hatten noch nicht genügend Mannschaften. Andere Divisionen waren noch unterwegs in den Eisenbahnzügen. Es wurde geschätzt, daß die Armee nicht vor Ende August kampfbereit sei. Das Dilemma wird von Walter Post erhellt:

„Der schnelle Fortschritt des deutschen Aufmarsches und die sich ansammelnden Berichte über die Absicht der Deutschen, in der zweiten Hälfte des Juni anzugreifen, stellte das sowjetische Kommando vor das Problem, entweder den ganzen Kriegsplan auf die strategische Verteidigung umzustellen, oder seinen eigenen Zeitplan für den Angriff zu beschleunigen…. Eine strategische Verteidigung würde eine totale Umstellung der Truppenverteilung bedeutet haben, die aufgrund des dürftigen Eisenbahnnetzes nicht in einer solch kurzen Zeit ausgeführt werden konnte…. Das sowjetische Kommando hatte zu dieser späten Stunde keine andere Wahl, als das Gleichgewicht zu halten, seine eigenen sich in der Aufstellung befindlichen Streitkräfte so gut wie möglich zu tarnen und darauf zu hoffen, genügend Zeit zu haben, die Konzentration seiner Truppen zu vervollständigen und nach Plan anzugreifen.“

Die Sowjets hofften, daß wenn die Deutschen zuerst zuschlagen sollten, der erste Stoß nicht entscheidend sein würde.

„Sie fühlten, daß die deckenden Armeen völlig in der Lage sein würden, einen gegnerischen Angriff zurückzuschlagen, während die sowjetischen Hauptstreitkräfte mobilisierten und aufmarschierten, um eine Gegenoffensive zu beginnen.“ 

Wie der deutsche Historiker Max Klüver berichtet, war die Rote Armee

„in jedem ihrer Zweige im Angriff geschult und für die Fähigkeit ausgebildet, auf einen gegnerischen Angriff mit einem sofortigen Gegenschlag zu antworten.“

Der sowjetische Generalstab versäumte es jedoch, richtig abzuschätzen, wie schnell die deutsche Armee nach der Ankunft an der Grenze eine Offensive beginnen konnte. Schaposchnikow hatte 10 bis 15 Tage geschätzt. Zur unangenehmen Überraschung der Roten Armee schlugen die deutschen gepanzerten und motorisierten Divisionen mit ganzer Furie zu, nachdem sie die Grenze erreicht hatten. Die Aussagen des gefangenen Generals Andrei Wlassow über dieses Thema wurden von einem deutschen Aufklärungsoffizier zusammengefaßt:

„Die Sowjets hatten bereits am Anfang des Jahres mit dem Aufmarsch begonnen, aber wegen der schlechten sowjetischen Eisenbahnlinien ging er ziemlich langsam vonstatten. Hitler beurteilte die Lage perfekt und stieß direkt in die Sowjets hinein, während sie aufmarschierten. Dies ist wie Wlassow den ursprünglichen enormen Erfolg der Deutschen erklärt.“

Wie jedes neue Konzept, das eingefahrenen Ansichten widerspricht, stieß die Prämisse, daß Hitler nur technisch gesehen der Aggressor im deutsch-sowjetischen Krieg gewesen ist, auf Widerstand. Unter den Gegnern der revisionistischen Position befindet sich David Glantz, der neue Beweise anführt, um die Ansichten der herrschenden Kreise zu verteidigen. Als Autorität für sowjetisch-militärische Angelegenheiten liefert Glantz in seiner Studie Stumbling Colossus (Stolpernder Koloß) eine umfassende Analyse der Roten Armee von 1941. Er argumentiert, daß unter anderen Dingen ihre schnelle Erweiterung seit 1939 die Streitkräfte der UdSSR unvorbereitet zur Durchführung einer militärischen Operation von dem Ausmaß der angeblichen Vorbeugeoffensive gegen Deutschland ließ. Sowjetische Kommandeure, wie sie in ihren militärischen Zeitschriften jener Zeit dargestellt wurden,

„zeigten eine klare sowjetische Anerkennung der hervorragenden deutschen militärischen Leistungen… und die unverkennbare Einsicht, daß das sowjetische Militär in keiner Hinsicht deutschen Anforderungen entsprach.“

Glantz liefert Beweise, daß die Truppen mit den neuen Waffen nicht vertraut waren, die Ausbesserungsdienste der Armee mangelhafte Erfahrung in abgestimmten Operationen besaßen und der Stand der Ausbildung unter den Rekruten ungenügend war. In der 37. Panzerdivision zum Beispiel

„waren ungefähr 60 Prozent des dienstverpflichteten Personals im Mai 1941 in die Armee eingetreten und keiner hatte eine allgemeine oder spezialisierte Ausbildung erhalten.“

Glantz veröffentlicht eine Analyse vom Juli 1941 des sowjetischen 15. Mechanisierten Korps am ersten Tag der Kämpfe, verfaßt von seinem stellvertretenden Kommandeur, in der der Offizier feststellt,

„daß das Personal des Motorradregiments des Korps noch nie mit einem Gewehr geschossen hatte.“ 

Stumbling Colossus erwähnt auch, daß die

„Mehrheit der KV und T-34 (Panzer)Fahrer nur drei bis fünf Stunden Fahrausbildung hatte.“ 

Da er mit der mißlichen Lage des Militärs vertraut war, suchte Stalin diplomatische Lösungen für die Schwierigkeiten mit Deutschland, folgert Glantz.

Der amerikanische Professor Roger Reese faßt zusammen, daß die Erweiterung der Armee seit 1939

„mit einem rasenden, wenn nicht dämonischen Tempo fortgesetzt wurde“,

hauptsächlich aus Angst vor Deutschland. Die Rote Armee

„wechselte die Einheitlichkeit ihrer Organisation in widersprüchlicher Weise und gruppierte ihre Führer um, verursachte dadurch große Verwirrung, Instabilität und systemische Zusammenhangslosigkeit.“

Glantz’s Buch ist besonders lohnend zum Abwägen der Perspektive der neuesten verfügbaren Informationen. Jedoch sollten verwandte Faktoren auch berücksichtigt werden. Die Tatsache, daß die Rote Armee von 1939 bis 1941 durch eine schwierige Periode der Reorganisation, Modernisation und Erweiterung ging, hinderte Stalin nicht daran, sie als ein Instrument der Außenpolitik zu verwenden. Die Invasion von Polen und die Besetzung der baltischen Republiken und Bessarabien verzögerte den Fortschritt in der Verbesserung der Armee. Ein Winterkrieg von 1939 bis 1940 gegen Finnland kostete die Truppen eine Viertelmillion an Verlusten und führte zu einer weitverbreiteten Demoralisation. Stalin störte sich in seinen Plänen nicht an der verheerenden Einwirkung, die der Sowjetimperialismus auf das sich abmühende militärische Establishment ausübte.

Es ergibt sich die Frage: hat der sowjetische Generalstab wirklich die Kampftruppen als unzulänglich angesehen? Warum würden dann Schukow und Timoschenko, die die deutsche Stärke überschätzten, eine Operationsstudie zur Invasion Mitteleuropas anfertigen?

„Es gibt keinen direkten Beweis dafür, daß Stalin sie je sah,“

behauptet Glantz. Die Studie hatte das Datum vom 15. Mai 1941 und war an Stalin adressiert.

Der russische Historiker Oberst Valeri Danilow argumentiert, daß es absurd wäre, anzunehmen, daß der sowjetische Verteidigungskommissar und Generalstabschef ein solches Dokument ohne Bevollmächtigung zur Kenntnisnahme für Stalin vorbereitet hätte. Solch ein eigenmächtiges Verhalten von Offizieren wäre einer Rüge an der sowjetischen Politik gleichgekommen und hätte bedeutet, daß sich Stalin irrte. Wenn man die Säuberung der militärischen Hierarchie von 1937 in Betracht zieht, ist es zweifelhaft, daß Stabsoffiziere das Risiko eingegangen wären, sich ihm entgegenzustellen. Es ist plausibler, daß die Studie auf seinen Befehl hin erstellt wurde.

Die Kontroverse wird weitergehen, zumindest bis die früheren alliierten Mächte wie England, die Vereinigten Staaten und Rußland, deren Regierungen die deutschen Kriegsdokumente großzügig enthüllten, auch das entsprechende Material aus ihren eigenen Archiven freigeben. Die österreichische Zeitung Die Presse vom 4. April 1997 zitierte den Moskauer Journalisten Konstantin Preobraschenski über die Auswertung der russischen Archive.

„Wieder einmal gewähren die Archivare den Zugang zu den Dokumenten nur, wenn es ihnen paßt. Es ist bedauerlich, sehen zu müssen, wie das, was gestern zugänglich war, heute wieder verschlossen wird.“

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Quelle und Übersetzung: Scriptorium

6 Gedanken zu “Stalins geheime Kriegspläne – Warum Hitler in die Sowjetunion einmarschierte

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