Julfest – Weihnacht

Hans zur Megede

Julfest. Höchstes und heiligstes Fest im alten Germanien. Unsere Vorfahren begingen es, wenn im Tagesgrau des Winters die Sonne ihren tiefsten Stand erreicht und die Nacht nur zögernd wich von der froststarren Erde. Mitwinterfest nannten sie es darum auch. Und feierten aus dem Ahnen ihres Blutes heraus die Wende, da mit dem Sieg der Sonne über die Mächte der Finsternis Wärme und Wachstum ihre Wiederkehr ankündigten in das Winterreich der schlafenden Natur.

Fest der Freude war die jetzige Weihnachtszeit dem germanischen Menschen. Feier der Kraft! Beendet erst an dem Tage, der im neuen Kalender drei Königen aus dem Morgenlande gewidmet ist. – Was den Altvorderen im Frühling der Maibaum als Symbol des Werdens und Grünens, das war ihnen im Winter der Julblock: symbolisches Merkmal nahenden Segens über Feld und Haus. Prasselnd loderte von ihm die Flamme himmelan in den schneeschweren Wäldern des Nordens. Erster, stärkster und letzter Ausdruck eines gesunden Frohmutes, mit dem unsere Vorfahren den Jahreswechsel begingen, zugleich aber auch Sinnbild einer tiefen Bindung an Gottheit und All, die Licht und Wärme geschaffen. Heiliger Gruß an das wiederaufsteigende Licht war der Sinn des Julfeuers.

Gerichtsfriede herrschte in dieser Zeit, Julfriede! Aller Zank, aller Hader, Fehde und Streit ruhten. Wer diesen uralt heiligen Brauch verletzte, der mußte dreifach büßen. Für eine weihevolle Feststimmung wurde gesorgt. Nicht so sehr durch eine stille Beschaulichkeit, sondern durch tätige, männliche Anteilnahme an dem Ringen des Lichtes mit der Finsternis. Denn alles, was sich draußen abspielte im Kampfverlaufe der Naturgewalten, es klang tief in der Seele des Germanen mit.

Einen wichtigen Zug erhielt das Julfest durch die Ehrung der Toten, der verstorbenen Ahnen und Blutsgenossen, zu deren Geschlechterkette der Germane stets in Ehrfurcht aufsah. Jetzt waren sie ihm besonders nahe, die ihm als Träger seiner inneren Kraft beigestanden in Not und Gefahr. Zu ihnen stiegen von Berg und Flur die Flammen empor, zu ihnen und zur Gottheit, der das Julfest als höchster Macht geweiht war.

Bedeutung hierbei hatten hauptsächlich drei Götter, die sich im germanischen Fühlen, dem Dreiklang des Lebens gleich, widerspiegelten: Freyr, der Gott des Lichtes und der Wärme; Wodan, der Gott der Weisheit, aber auch der wilden stürmischen Jagd; Freya, die Göttin der Liebe und des Keimens. Was man aus unbewußtem Fühlen in diesen Göttern versinnbildlicht, es war ins klare Bewußtsein umgedeutet, nichts anderes als Hinnahme der Ganzheit von Seele, Geist und Körper.

Und dieser Dreiklang des Lebens erhielt auch beim Julfest sein Recht. Neben der Totenverehrung und dem Anrufen der Gottheit klang in die Feier das Spiel der körperlichen Erdkräfte hinein. Minnetrank, Umzüge und Tänze waren mit dem Fest verbunden; nicht minder auch der Mummenschanz, bei dem es auf die Darstellung von Gestalten aus der germanischen Geisterwelt ankam. Noch heute feiern alljährlich zur Weihnachtszeit überlieferte Reste dieses Brauches in den nordischen Ländern ihre Auferstehung.

In der Gegend zwischen Sieg und Lahn wird zum Weihnachtsfest ein Eichenklotz im Herdfeuer so angebracht, daß er mitglimmt in der Glut, ohne in Jahresfrist völlig zu verkohlen. Und was heute unverstanden an wirren Geräuschen in die Silvesternacht hineinschallt, ist Überlieferung aus alten Zeiten und hatte bei unseren Vorfahren einen tiefen Sinn. Auch Niederdeutschland kennt noch einige der alten Volksbräuche, die erhalten sind in den Umzügen vermummter Gestalten. Oft noch wird dort der Schimmel aus Wodans Pferdegespann als Zeichen der Weisheit dargestellt, ferner auch der Klapperbock und der Erbsbär als begleitende Tiere der alten Götter. Ebenso rührt der echt volkstümliche Drang, durch Bleigießen in der Silvesternacht die Zukunft zu erforschen, von den Julbräuchen her. Am wenigsten aber ist das Julfest aus Schweden und Dänemark fortzudenken. Jedes Jahr leben hier von neuem die alten Sinnen in ihrer Buntheit und Vielgestaltigkeit wieder auf.

Wachgerufen aber wird dadurch die Erinnerung an das, was unsere Altvorderen bewegte, um die Weihnacht nicht allein. Denn viel ist vom Brauch des Julfestes in unsere deutsche Weihnachtsfeier übernommen worden. Mehr noch schwingt aus früherer Zeit in unseren Herzen mit. Es ist, als wäre am Baum der Lichterglanz ein Widerschein der lohenden Julflamme Germaniens. Und unsere Freude am Geschenk, das wir mit Eltern und Geschwistern, Kindern und Enkeln, Verwandten und Hauszugehörigen am Gabentisch bereiten, sie stammt aus blutgebundener Überkommenheit, aus dem germanischen Willen, die Sippe zu pflegen und der Gemeinschaft zu dienen. Darin findet unsere Nächstenliebe ihren Höhepunkt; sie ist fruchtbar in dem Strom eines starken Empfindens für Wohl und Wehe des eigenen Volksgenossen, der als Träger unseres Blutes, unserer Art und unseres Geistes die Quelle ewigen Daseins deutscher Geschlechter bleiben muß.

Und wie dem Germanen im Julfest, so liegt, ob bewußt oder unbewußt, auch dem deutschen Menschen in der Weihnachtsfeier als letzter Sinn das Bekenntnis zur Kraft, jener Kraft, die abseits weltferner Theorien das erlösende Moment aus der ewigen Sünde des Schwachen in sich birgt. Auch bei uns ruhen Zank und Hader, verstummt der Ärger über Beschwernis und Unzulänglichkeit im Leben. Und das große Kraftgefühl, verliehen von Gott, breitet in uns den Frieden der geweihten Nacht.

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Quelle: Der Schulungsbrief, I. Jahrgang, 10. Folge (Dezember 1934), S. 4-7

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