Die Separatistenschlacht im Siebengebirge 1923

Die Siebengebirgs-Zeitung berichtete in zwei Folgen über die Separatistenschlacht 1923, indem sie Auszüge aus dem Buch „Aegidienberg im Wandel der Zeiten“ von Rektor Karl Gast veröffentlichte:

Wesen und Ziel der Separatisten

In der Frühe des Sonntags, am 21. Oktober 1923 um 3 Uhr verkündeten in Aachen Dr. Guthardt und Leo Deckers lauthals die „Freie und unabhängige Republik Rheinland“. Diese Proklamation zeigt, dass das Rheinland vom Deutschen Reich getrennt und zu einem eigenen (frankreichhörigen) Staatsgebilde ohne Willen der Mehrheit des Volkes und außerhalb der Legalität umgeformt werden sollte. Nach dem Aachener Vorbild gebärdeten sich in den kommenden Tagen in zahlreichen weiteren, von den Franzosen bzw. Belgiern besetzten Städten und Orten Separatistenkommandos in Rathäusern und sonstigen öffentlichen Gebäuden. Sie versuchten, die grün-weiß-rote Fahne als Zeichen der Besitznahme aufzuziehen. „Aber diese Fahne auf den öffentlichen Gebäuden“, so schreibt Klaus Friedrichs, ein verdienstvoller Chronist der Separatistischen Bewegung, „war nicht einmal das größte Ärgernis für die treudeutsche rheinische Bevölkerung, sondern das war vielmehr die schamlose, bedrückende Regierungs und Verwaltungstätigkeit der separatistischen Vollzugsausschüsse und Kommissare.“ „Diebe, Räuber und Mörder wurden als die Polizisten der freien rheinischen Republik auf die friedlichsten und kultiviertesten Bürger Deutschlands losgelassen.“ Die Pläne der Separatisten sollten sich jedoch nicht wunschgemäß erfüllen. Mit empfindlichem passivem und schließlich mehr und mehr auch aktivem Widerstand reagierten die Bewohner der betroffenen Städte und Dörfer.

Den Sonderbündlern (Separatisten) – auch Rheinlandwehr oder Rheinsoldaten genannt – in insbesondere der von ihnen aufgestellten so genannten „Fliegenden Division Nord“ geboten schon frühzeitig eiligst organisierte Heimwehren in der niederrheinischen Landschaft, z. B. in Jülich, M.-Gladbach, Rheidt und Erkelenz nachdrücklich „Halt!“. Auf Befehl der belgischen Regierung mussten die Separatisten nach fast vierzehntägigem blutigem Kampf Aachen verlassen. Auch in anderen Orten wurden sie „abgeschoben“, so dass jetzt eine nach Tausenden zählende Streitmacht im Mittelrheingebiet entstand und von dort aus neue Angriffspläne verwirklichen wollte. Alarmierende Vorgänge in rheinischen Landen. Nach einer relativ harmlosen Gastrolle in Bonn zogen Teile der sich weiter südlich im Raum Andernach – Koblenz festgesetzten Söldnertruppe in der Zeit vom 6.-8. November 1923 requierend in die ländliche Umgegend und stahlen insbesondere Großvieh in Maria-Laach und auf dem Alker Hof bei Brohl. Entschlossene Männer aus der Gemeinde Brohl gründeten eine Heimwehr, deren Anführer, Anton Bröhl und Hans Felinger, durch den organisierten Widerstand die Separatisten so in Wut versetzten, dass diese ihre Liquidation beschlossen.

Am 9. November kreuzte ein Mordkommando im Ort auf, plünderte wie zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges und erschoss zwei Männer (Vater und Sohn), die mit den Gründern der Heimwehr keineswegs identisch waren. Nun wurde auch die Siebgebirgsbevölkerung mehr und mehr hellhörig und wach. In Linz drangen die Fremden am 10. November ein und setzten den Bürgermeister Pieper ab. Später wurde das Rathaus in bemerkenswerter Weise demoliert. Auf dem Seiferhof (Gemeinde Vettelschoß) beschlagnahmten sie am 12. November Mengen von Lebensmitteln sowie Wertsachen. In Honnef verschafften sie sich zur Nachtzeit gewaltmäßig Zutritt zum Rathaus, und am 14. November zogen sie die grün-weiß-rote Fahne (der Stoff war requiriert) in der Stadt im Rahmen einer spektakulären Feier auf. Von jetzt an gingen täglich Alarmmeldungen in die Umgebung. So berichtet Klaus Fuchs in seinem Buch „Die Separatistenschlacht im Siebengebirge“ von „rücksichtslosen Räubereien im Amt Unkel“, von „Plünderungen in Haanenburg bei Bruchhausen“, über „furchtbare Rachetaten in Rheinbreitbach“ und zahlreichen anderen Gräueln, das Maß lief voll. Nicht länger war die Bevölkerung gewillt, dem Treiben des räuberischen und mörderischen Gesindels tatenlos zuzusehen.

In fast allen gefährdeten Orten und besonders in den Gemeinden des Siebengebirges bildeten sich Selbstschutzverbände, die sich aus verborgenen Quellen zunehmend mehr bewaffneten. Der Tag der Entscheidung reifte heran, und die Aegidienberger ahnten nicht, dass ihre Heimat Schauplatz einer erbitterten geschichtsträchtigen Entscheidungsschlacht werden sollte. Selbstschutz organisierte sich in Aegidienberg. Unter dem Eindruck der im vergangenen Kapitel angeführten alarmierenden Vorgänge in unmittelbarer Nähe von Aegidienberg schlossen sich zahlreiche Bürger der Gemeinde ähnlich wie schon früher an anderen Orten zu einer Not- oder Heimwehr zusammen. Dr. Rehdantz, Gemeindevorsteher Klein, Hauptlehrer Haßelmann und Polizeiwachtmeister Philipp Schmitz aus Windhagen sprachen am Abend des 14. November 1923 im Saal des Gasthauses Cremerius zu den herbeigerufenen Männern über das dringende Anliegen.

Wachen wurden benannt und in die Dörfer entsandt, Bauern und Landwirte stellten Verpflegung bereit, und in dem früheren Offizier und damaligen Berg-Ingenieur Hermann Schneider aus Rottbitze fand man einen versierten und verlässlichen Kommandeur für die Selbstschutzeinheiten. Obwohl der Besitz von Waffen streng verboten war, gelang es den Männern, innerhalb weniger Stunden sich ein buntes Arsenal von Verteidigungswerkzeugen zu beschaffen. Darunter waren Mistgabeln, Äxte und Knüppel wie zur Zeit der Bauernkriege, aber auch ausgegrabene Pistolen, Jagd- und Infanteriegewehre. Eine ungeheure Spannung lastete auf den Dörfern und ihren Bewohnern und dies um so mehr, als konkrete Pläne der Separatisten, über die Höhen nach Siegburg zu ziehen, bekannt wurden und eiligst die Runde machten.

Kirchenglocken läuten zum Sturm

Von Angehörigen des Postamtes Honnef abgelauschte Telefongespräche der Separatisten ließen vermuten, dass am 15. November Orte des hinteren Siebengebirges heimgesucht werden sollten. In Kretzhaus heulten nach entsprechenden Hinweisen die Werkssirenen und erinnerten die Bürger an ihre Verteidigungsabsichten. Wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem „Leben“ läuteten in Windhagen und Aegidienberg alle Glocken mit fiebernden Schlägen zum Sturme. Ihrem Beispiel folgten wenig später die Geläute der Nachbarkirchen und Kapellen, so dass sich eine vieltausendköpfige Verteidigungsgefahr spontan formierte und in Bereitschaft stand. Im Turm der Pankratius-Pfarrkirche Oberpleis hämmerte der Schmied Röttgen „Sturm“ auf die aus dem 13. Jahrhundert stammende ehrwürdige Glocke, bis sie zersprang. Auf bemerkenswerte Weise erfüllte sich damit ihre 700 Jahre alte Inschrift, die besagt: „Sum villanorum saItem, sed non monachorum. Man sal mich lüdin zu stürme! o rex gloria, veni cum pace!“ (Ich wenigstens gehöre den Dorfleuten und nicht den Mönchen. Man soll mich läuten zum Sturme! O König der Herrlichkeit, komm mit dem Frieden!) Die rechtzeitige Alarmierung der Oberpleiser war wesentlich das Verdienst von Gendarmeriemeister Mauritius und der Gattin der Lehrers Mauer aus Brüngsberg.

Peter Staffel erschossen

Der Name des erst 18 jährigen Schmiedes aus Hühnerberg, Peter Staffel, kam nach dem denkwürdigen Abend des 15. November rasch in aller Munde. Ja, er erwies sich als unübersehbares Fanal, mobilisierte den Verteidigungswillen der noch Unentschlossenen und wurde gleichsam zur Initialzündung der Entscheidungsschlacht in Aegidienberg.

Was war geschehen?

Etwa 30 Steinbrucharbeiter aus Eudenbach/Hühnerberg bewachten die Ortschaft Himberg in Höhe der heutigen Shell-Tankstelle. Gegen 19 Uhr rollten zwei Autos, von Honnef kommend, zur Anhöhe. Der nur mit einem Knüppel bewaffnete Peter Staffel stoppte den ersten Wagen, sprang auf das Trittbrett und rief: „Halt, was wollt ihr hier?“ Eine aus nächster Nähe von dem Separatisten Erich Freytag abgefeuerte Kugel tötete den jungen Menschen in kurzer Zeit. Die Insassen des Wagens flüchteten ohne ihr Gefährt hastig, auf allen Vieren kriechend, unter dem Feuer der von den Kameraden Staffels verabfolgten Gewehrsalven.

Mit einem eilig gewendeten Lastwagen, den sie wohl zum Transport von Requirierungsgegenständen benutzen wollten, verschwanden sie in der Dunkelheit im Schmelztal. Auf ihrem Wege aber fuhren sie in das konzentrierte Feuer der vor der Abfahrt der Autos bereits bis an den Rand der Stadt Honnef vorgerückten Männer der Abteilung des Ingenieurs Hermann Schneider, die den Lkw und Waffen erbeuteten und den Mörder und seine Komplizen vertrieben. Die unverhoffte Niederlage konnten die Separatisten nicht verschmerzen. Sie sannen auf Rache und wollten diese am Leben und Eigentum der Aegidienberger Bewohner verwirklichen. Blutige Kämpfe, besonders in Hövel am Morgen des 16. November 1923, setzten die Separatisten die Masse ihrer Angehörigen gegen Aegidienberg in Marsch, um sich für die erlittene Niederlage vom Vortage und insbesondere für den Prestigeverlust zu rächen. An den Siebengebirglern gedachten sie exemplarische Strafen zu vollziehen, und überdies wollten sie den Weg zur Kreisstadt Siegburg öffnen.

Nach Landsknechtsmanier belagerte die im „Räuberzivil“ wirkende Truppe auf ihrem Weg zunächst das „Gasthaus zum Schmelztal „, stöberte sofort den Weinkeller auf, köpfte vielfach die Flaschen kurzerhand mit Säbeln und trank sich ordentlich Mut an. Dann formierte man sich zum Angriff, und mehrere Schützenketten schlichen sich gegen die Höhen vor. Auf dem so genannten „Butterweg“ (auf ihm trugen früher die Bauern die selbst gemachte Butter zum Verkauf in die Rheinorte) erreichte ein größerer Trupp von etwa 80 Personen die fast ungeschützte Ortschaft Hövel. Die Verteidiger hatten die Angreifer weiter südlich, vor allem zwischen Himberg und Rottbitze erwartet, und in gutem Glauben, aber leichtsinnig, wie sich leider herausstellte, den Schutz von Hövel vernachlässigt. Während in Himberg den Separatisten ein wirksames Feuer aus allen möglichen Handfeuerwaffen entgegenschlug und die Front gehalten werden konnte, begannen die Eindringlinge in Hövel, ihr schändliches Vorhaben auszuführen. Fünf Männer (die Brüder Theodor und Hubert Weinz sowie Gerhard Dahm, Leonhard Kraus und Peter Schmitz) wurden als Geiseln auf die Straße gestellt, um die Kugeln der inzwischen in Eilmärschen heraneilenden Verteidiger abzuhalten.

Im Zuge der Kampfhandlungen brachten die Sonderbündler Theodor Weinz einen Bauchschuss bei, an deren Folgen er noch am gleichen Tage starb. Die anderen Geiseln wurden z. T. durch Säbelhiebe und Schüsse misshandelt bzw. verwundet. Hubert Weinz, den man zum Erschießen auf einen Holzstoß gestellt hatte, konnte dank des unverhofften Eingreifens der eiligst herangeführten Selbstschutzkommandos aus Oberpleis sowie von Bürgern aus Hövel und Ittenbach in letzter Minute entfliehen. Die Eindringlinge steckten in einer Falle, die nur nach Westen eine Öffnung hatte. Schleunigst suchten sie den rettenden Wald zu gewinnen. Vielen gelang das jedoch nicht mehr. Die erzürnten Retter durchkämmten von Norden nach Süden das Dorf, stöberten die Separatisten in Häusern und Kellern, in denen sie sich in ihrer Not verkrochen hatten, auf und übten harte Notwehr. Allein in Hövel trug man später 14 tote und meist erschlagene Eindringlinge zusammen. Nur bei sieben gelang die Identifizierung. „Die übrigen gehörten, wie der schlichte Bericht sagt, zu den Verlorenen und Verschollenen des Lebens,“ bemerkt Prof. Grimm in seiner einschlägigen Schrift über die Vorgänge. Vernehmen wir über die weitere Entwicklung den Auszug eines Berichtes, den der damalige Aegidienberger Pfarrer Junkersfeld (ein Augenzeuge der Vorgänge) am 2. Januar 1929 in der Essener „Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichte:

„Werden die Aegidienberger die Front halten können? Nach allen Seiten ruft das Telefon des Gemeindevorstehers Klein um Hilfe. Zahlreiche Kämpfer kommen aus dem Westerwald, aus Neustadt, Buchholz und Asbach. Die Kreisstadt Siegburg sendet Autos mit Mannschaften und Lebensmitteln, ebenso Hennef-Geistingen, Uckerath und Honnef-Selhof.

Der Kampf tobt weiter. Auf beiden Seiten heftiges Gewehrgeknatter! 16 Uhr ist es geworden. Auf der Himberger Straße erscheint ein Auto, das die weiße Fahne zeigt. Ein angeblicher französischer Kreisdelegierter stellt sich vor, in Wirklichkeit ist er ein gebürtiger Deutscher, der inzwischen das belgische Bürgerrecht erworben hat. Er verhandelt mit unserem Führer. Die Parlamentäre wünschen freien Durchzug nach Siegburg und die Erlaubnis, auf dem Marktplatz von Aegidienberg die „Rheinische Republik“ ausrufen zu dürfen. Unannehmbar! Eine Patrouille holt das Separatistenauto mit den Insassen. Inzwischen bietet Aegidienberg mit den umliegenden Ortschaften ein trauriges Bild. Überall Flüchtlinge! Auf Karren und Wagen hat man das Nötigste zusammengepackt. Das Vieh treibt man fort, alte Leute, Frauen und Kinder verlassen die Heimat. Die Nacht wird zu unsicher werden. Es könnte den Separatisten noch einmal gelingen, durchzubrechen. Was dann? Ihre Drohungen werden sie wahr machen und alles in Brand stecken.

Hövel ist wie ausgestorben. Tiefe Nacht ist es geworden. In den Wachlokalen wird die ganze Nacht durch gekocht. Vier Stück Vieh waren geschlachtet, Lebensmittel, insbesondere Brot und Kartoffeln werden von nah und fern gebracht. Den wackeren Helfern soll es an nichts fehlen. Unermüdlich schaffen Männer Lebensmittel an die Front. Die Separatisten dürften es nicht wagen, nochmals vorzudringen. Schon beginnt der Morgen. Nur hier und da hört man noch Gewehrgeknatter. Der neue Befehl wird ausgegeben: Vorrücken auf der ganzen Linie in Richtung Schmelztal – Honnef, um den letzten Separatisten zu verjagen. Ein gewagtes Unternehmen! Schon waren wir mit etwa 500 Mann im Schmelztal angekommen, da erschienen Honnefer Bürger, die uns belehrten, dass Franzosen in Honnef eingerückt seien. Aegidienberg werde ebenfalls besetzt werden, Am Abend kam französische Gendarmerie, und am 18. November ritten Marokkaner in die Gemeinde und blieben 14 Tage dort.

Die Separatisten wurden sofort von Honnef nach Koblenz abtransportiert, und der Mittelrhein war frei von Verrätern. Die Zahl der Toten und Verwundeten in diesem Kampf konnte nicht genau festgestellt werden. Die französischen Zeitungen geben die Zahl der Getöteten und Verwundeten mit einhundertzwanzig an. Der Führer der Separatisten, Rang, nannte über sechzig Tote. Es war wohl die schwerste Niederlage, die die Separatisten erlitten. Von diesem Schlag haben sie sich nicht mehr erholt. Ihre Herrschaft war für immer gebrochen. Prof. Dr. Grimm bemerkt in einem Vorwort zu dem Buch von Klaus Friedrichs ‚Separatistenherrschaft am Rhein‘: ‚Wir Deutsche wissen gar nicht genug, was wir den Bauern des Siebengebirges zu danken haben.'“

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Quelle: Siebengebirgs-Zeitung Nr. 2 vom 08. 01. 1965 und Nr. 3 vom 15. 1. 1965

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