Die Juden und die Konzentrationslager: Ein Tatsachenbericht vom Roten Kreuz

Von Gregor Heller

Es gibt eine Übersicht über die jüdischen Fragen in Europa während des Zweiten Weltkrieges und die Zustände in den deutschen Konzentrationslagern, welche fast einmalig ist in ihrer Ehrlichkeit und Objektivität, nämlich der dreibändige Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz über seine Arbeit im Zweiten Weltkrieg (Genf, 1948). Dieser umfassende Bericht von einer völlig neutralen Quelle, schließt ein und erweitert zwei vorher erschienene Werke:

Documents sur l’activité du CICR en faveur des civils detenus dans les camps de concentration en Allemagne 1939-1945 (Dokumente über die Tätigkeit des Komitees des Internationalen Roten Kreuzes für die Zivilgefangenen in den Konzentrationslagern in Deutschland) (Genf, 1946) und Inter Arma Caritas, Die Arbeit des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes während des Zweiten Weltkrieges (Genf, 1947).

Die Autorengruppe unter der Leitung von Frederic Siordet erklärt in der Einleitung, daß der Bericht in der Tradition des Roten Kreuzes, strikte politische Neutralität zu wahren, erstellt wurde, und hierin liegt sein großer Wert.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz berief sich auf die Genfer Militärkonvention von 1929, um Zugang zu den Zivilgefangenen zu erhalten, die in Mittel- und Westeuropa durch die deutschen Behörden interniert waren.

Im Gegensatz dazu, war es dem Komitee nicht möglich, Zugang in der Sowjet-Union zu erhalten. Die Millionen Zivil- und Militär-Gefangenen in der Sowjet-Union, deren Lebensbedingungen bei weitem als die schlechtesten bekannt waren, waren völlig von jeder Aufsicht ausgeschlossen.

Der Rote Kreuz-Bericht ist vor allem wertvoll, weil er zunächst die rechtlichen Umstände klärt, unter denen die Juden in Konzentrationslager interniert wurden, nämlich als feindliche Ausländer. Indem er zwei Arten von Zivil-Gefangenen beschreibt, unterscheidet der Bericht die zweite Art als ‘Zivilisten, die aus verwaltungstechnischen Gründen ausgesiedelt wurden, (in Deutsch ‘Schutzhäftlinge’), die aus politischen oder rassischen Gründen festgenommen waren, weil ihre Anwesenheit als Gefahr für den Staat oder die Besatzungsstreitkräfte angesehen wurde’ (Band III, Seite 73).

Diese Personen, fährt der Bericht fort, ‘wurden eingestuft wie Verhaftete oder Gefangene unter dem allgemeinen Gesetz aus Sicherheitsgründen’ (Seite 74).

Der Bericht gibt zu, daß die Deutschen dem Roten Kreuz zunächst ungern die Überwachung der Gefangenen aus Sicherheitsgründen gewähren wollten, das Komitee diese wichtige Genehmigung von Deutschland jedoch gegen Ende 1942 erhielt. Es war ihnen vom August 1942 an erlaubt, in den Haupt-Konzentrationslagern von Deutschland Lebensmittel-Pakete zu verteilen, und ‘vom Februar 1943 ab wurde diese Erlaubnis auf alle Lager und Gefängnisse ausgedehnt’ (Band III, Seite 78).

Das Komitee stellte bald die Verbindung zu allen Lagerkommandanten her und setzte ein Lebensmittel Hilfs-Programm in Bewegung, das bis in die letzten Monate des Jahres 1945 funktionierte. Dankesbriefe dafür strömten von jüdischen Internierten herein.

Empfänger der Rot-Kreuz-Pakete waren Juden

Der Bericht stellt fest, daß ‘täglich bis zu 9.000 Pakete gepackt wurden. VonHerbst 1943 bis Mai 1945 wurden insgesamt 1.112.000 Pakete mit einemGesamtgewicht von 4.500 t an die Konzentrationlager verschickt’ (Band III, Seite 80). Zusätzlich zu den Lebensmitteln, erhielten die Internierten Bekleidung und Medikamente. ‘Pakete wurden gesandt an: Dachau, Buchenwald, Sangershausen, Sachsenhausen, Oranienburg, Flossenburg, Landsberg a.Lech, Flöha, Ravensbrück, Hamburg-Neuengamme, Mauthausen, Theresienstadt, Auschwitz, Bergen-Belsen, an Lager bei Wien und in Mittel- und Süddeutschland. Die Hauptempfänger waren Belgier, Holländer, Franzosen, Griechen, Italiener, Norweger, Polen und staatenlose Juden’ (Band III, Seite 83).

Im Laufe des Krieges ‘war das Komitee in der Lage, Hilfslieferungen von über 20 Millionen Schweizer Franken, die durch jüdische Wohlfahrts-Organisationen in der ganzen Welt gesammelt waren, besonders durch das amerikanische Joint Distribution Committee von New York, zu verschicken und zu verteilen’ (Band I, Seite 644). Letzterer Organisation war durch die deutsche Regierung erlaubt worden, in Berlin ein Büro zu unterhalten, bis Amerika in den Krieg eintrat.

Das Rote Kreuz beschwerte sich, daß Behinderungen ihres Hilfsprogramms nicht von Seiten der Deutschen erfolgten, sondern durch die dichte Blockade Europas durch die Alliierten.

Ihre meisten Einkäufe tätigten sie in Rumänien, Ungarn und der Slowakei. Das Komitee lobte besonders die freiheitlichen Zustände in Theresienstadt bis zur Zeit seines letzten Besuches im April 1945. Dieses Lager, ‘wohin ungefähr 40.000 Juden aus verschiedenen Ländern angesiedelt waren, war ein verhältnismäßig bevorzugtes Ghetto’ (Band III, Seite 75). Entsprechend dem Bericht, ‘war es den Delegierten des Komitees möglich, das Lager Theresienstadt zu besichtigen, das ausschließlich für Juden bestimmt war und unter besonderen Bedingungen verwaltet wurde.

Durch Nachrichten, die das Komitee erhielt, waren diese Lager als ein besonderer Versuch verschiedener Führer des Reiches begonnen worden… Diese wünschten, den Juden die Möglichkeit zu geben, ein gewisses Gemeindeleben unter eigener Verwaltung und beinahe eigener Hoheit zu haben

Zwei Delegierten war es möglich, das Lager noch am 6. April 1945 zu besuchen. Sie bestätigten den angenehmen Eindruck ihres ersten Besuches’ (Band I, Seite 642).

Das Komitee hatte auch Lob für das Regime von Ion Antonescu, des faschistischen Rumänien, das es ihm ermöglichte, seine Hilfe auf 183.000 rumänische Juden zu erweitern, bis zur Zeit der sowjetischen Besetzung. Dann hörte die Hilfe auf, und das Rote Kreuz beklagte sich bitter, daß es niemals Erfolg hatte ‘irgend etwas nach Rußland zu senden’ (Band II, Seite 62). Die gleiche Lage traf auch auf viele Lager in Deutschland nach ihrer ‘Befreiung’ durch die Russen zu. Das Komitee erhielt, bis zur Zeit der russischen Besetzung, große Mengen Post von Auschwitz, als viele der Internierten westwärts evakuiert wurde. Aber die Bemühungen des Roten Kreuzes, den unter den Sowjets in Auschwitz verbliebenen Internierten Hilfe zu senden, war zum Scheitern verurteilt. Jedoch wurden weiterhin an ehemalige Insassen von Auschwitz, die in andere Lager, wie Buchenwald oder Oranienburg, gebracht worden waren, Lebensmittelpakete geschickt.

Kein Beweis von Völkermord

Deckblatt der “Dokumentation über die Tätigkeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz zugunsten der in den deutschen Konzentrationslagern inhaftierten Zivilpersonen (1939-1945)”. Dritte Ausgabe, Genf, April 1947.

Einer der wichtigsten Aspekte des Berichtes des Roten Kreuzes ist, daß er diewahre Ursache der Todesfälle klarstellt, die unzweifelhaft gegen Ende des Krieges in den Lagern eingetreten waren. Der Bericht sagt: „Durch die chaotischen Zustände in Deutschland während der letzten Kriegsmonate nach der Invasion, als die Lager keinen Lebensmittelnachschub mehr erhielten, forderte die Hungersnot eine steigende Zahl von Opfern. Die deutsche Regierung selbst, alarmiert durch die Lage, benachrichtigte das Rote Kreuz am 1. Februar 1945 …Im März 1945 ergaben Besprechungen zwischen dem Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und dem General der SS Kaltenbrunner entscheidende Ergebnisse.

Die Hilfsleistungen konnten ab sofort durch das Komitee selbst verteilt werden, und es war je einem Delegierten des Roten Kreuzes erlaubt, im Lager zu bleiben…“ (Band III, Seite 83).

Natürlich waren die deutschen Behörden äußerst bemüht, die Lage, soweit es möglich war, zu verbessern. Das Rote Kreuz sagte denn auch sehr deutlich, daß die Lebensmittellieferungen zu dieser Zeit wegen der Alliierten Luftangriffe auf das deutsche Verkehrsnetz eingestellt werden mußten, und protestierte im Interesse der internierten Juden gegen den „barbarischen Luftkrieg der Alliierten“ (Inter Arma Caritas, Seite 78). Am 2. Oktober 1944 warnte das Komitee vom Internationalen Roten Kreuz das deutsche Auswärtige Amt vor dem bevorstehenden Zusammenbruch des deutschen Verkehrssystems und erklärte, daß der Zustand der Hungersnot für die gesamte Bevölkerung in Deutschland unvermeidlich sei.

Wenn man sich mit diesem umfassenden dreibändigen Bericht befaßt, ist es wichtig zu betonen, daß die Delegierten des Internationalen Roten Kreuzes in dem von den Achsenmächten besetzten Europa auch nicht einen Beweis für eine gewollte Vernichtungspolitik der Juden fanden.

In allen 1.600 Seiten deutet der Bericht nicht einmal auf solch ein Ding wie eine Gaskammer hin. Er gibt zu, daß Juden, ebenso wie auch viele andere Kriegszeit-Nationalitäten, Unbilden und Entbehrungen erlitten, aber das vollständige Schweigen über das Thema einer geplanten Vernichtung, ist eine klare Widerlegung der Sechs-Millionen-Legende.

Wie die Vertreter des Vatikans, mit denen es zusammenarbeitete, war es dem Roten Kreuz nicht möglich, wie es heute üblich geworden ist, in die unverantwortlichen Anklagen einzustimmen.

Was die wirkliche Sterberate anbetrifft, hebt der Bericht hervor, daß die meisten jüdischen Ärzte von den Lagern zur Bekämpfung der Typhus-Epidemie an der Ostfront eingesetzt waren, so daß sie nicht in der Lage waren, die Typhus-Epidemie, die 1945 in den Lagern ausbrach, zu bekämpfen (Band I, Seite204).

Übrigens wird ständig behauptet, daß Massenhinrichtungen in Gaskammern stattfanden, die als Brausebäder getarnt waren. Auch mit dieser Anklage macht der Bericht reinen Tisch. „Nicht nur die Waschplätze, sondern auch die Badeeinrichtungen, Duschen und Wäschereien wurden von den Delegierten untersucht. Oft griffen sie ein, wenn Installationen zu verbessern oder zu reparieren oder zu vergrößern waren (Band III, Seite 594).

Nicht alle waren interniert

Band III des Rot-Kreuz-Berichtes, Kapitel 3 (1. jüdische Zivilbevölkerung) handelt von „der Hilfe, die dem jüdischen Teil der freien Bevölkerung“ gegeben wurde, und dieses Kapitel macht ganz klar, daß bei weitem nicht alle europäischen Juden in Konzentrationslagern festgehalten wurden, sondern blieben, unter gewissen Beschränkungen, Teil der freien Zivilbevölkerung.

Dies steht im Gegensatz zu der „Gründlichkeit“ des angeblichen „Vernichtungs-Programms“ und zu der Behauptung in den gefälschten Höss-Memoiren, daß Eichmann besessen war „jeden einzelnen Juden, den er bekommen konnte“, festzunehmen.

In der Slowakei zum Beispiel, wo Eichmanns Assistent Dieter Wisliceny verantwortlich war, stellt der Bericht fest, daß ein großer Teil der jüdischen Minderheit die Erlaubnis hatte, im Lande zu bleiben, und zu bestimmten Zeiten wurde dies bis Ende August 1944 als ein für Juden verhältnismäßig sicheres Gebiet angesehen, besonders für solche aus Polen. Diejenigen, die in der Slowakei blieben, lebten bis zum Aufstand gegen die deutschen Truppen im August 1944 dort in Sicherheit. Es ist wahr, daß das Gesetz vom 15. Mai 1942 Inhaftierung von Tausenden von Juden gebracht hatte, die dann in Lagern gehalten wurden,

wo die Lebensmittelversorgung und Unterkunft annehmbar war und wo den Internierten erlaubt wurde, gegen Bezahlung zu arbeiten, und zwar zu Bedingungen, die denen auf dem freien Arbeitsmarkt ähnlich waren (Band I, Seite 646).

Nicht nur konnte eine große Anzahl von den 3.000.000 oder so europäischer Juden eine Internierung vermeiden, sondern die Auswanderung der Juden wurde während des ganzen Krieges fortgesetzt, allgemein über Ungarn, Rumänien und die Türkei.

Ironischerweise wurde auch die Nachkriegs-Auswanderung der Juden aus deutsch-besetzten Gebieten durch das Reich erleichtert, wie im Falle der polnischen Juden, die vor der Besetzung nach Frankreich gekommen waren. „Die Juden aus Polen, die, während sie in Frankreich waren, Einwanderungserlaubnis für die USA erhalten hatten, wurden von den Deutschen als amerikanische Staatsbürger behandelt, und die Gültigkeit der Pässe, ausgestellt durch die Konsulate südamerikanischer Staaten, wurden anerkannt“ (Band I, Seite 645).

Als künftige amerikanische Staatsbürger wurden diese Juden im Lager für amerikanische Fremde in Vittel im Süden Frankreichs erfaßt.

Besonders die Auswanderung von europäischen Juden aus Ungarn ging während des Krieges ungehindert durch die deutschen Behörden weiter. „Bis März 1945“, sagt der Bericht des Roten Kreuzes, „konnten die Juden Ungarn verlassen, wenn sie im Besitz eines Visas für Palästina waren“ (Band I, Seite 648).

Sogar nach der Ablösung der Horty-Regierung 1944 (nach dem Versuch, einen Waffenstillstand mit den Sowjets zu machen) durch eine von den Deutschen mehr abhängige Regierung, wurde die Auswanderung der Juden fortgesetzt. Das Rote-Kreuz-Komitee sicherte sich die Zusagen von England und den USA „jedwede Hilfe zu geben, die Auswanderung der Juden aus Ungarn zu ermöglichen“,* und von der USA-Regierung erhielt das Komitee die Nachricht, daß „die Regierung der Vereinigten Staaten… jetzt besonders ihre Versicherung wiederholt, die sie für alle Juden getroffen hat, denen die Ausreise erlaubt ist“ (Band I, Seite 649).

Quelle: Kreuz.net 27.10.10

*Die jüdische Zeitung AUFBAU schrieb am 1. September 1944 auf der zweiten Seite:

“Die ersten ungarischen Juden erreichen die Schweiz.

In Basel sind die ersten 320 ungarischen Juden angelangt, denen vor zwei Wochen gestattet wurde, Ungarn zu verlassen. Sie mussten den ganzen Weg in Viehwagen zurücklegen. Einige starben unterwegs, andere waren so geschwächt, daß sie auf Tragbahren aus dem Zug herausgetragen werden mussten.”

Nun ja, nicht eben die Erste Klasse, aber immerhin. Bezeichnenderweise fehlt auch jeder Hinweis auf mögliche Mißhandlungen, die der jüdischen Gazette vermutlich einige Krokodilstränen wert gewesen wären, so es eine solche gegeben hätte.

.
Quelle: German Cross

13 Gedanken zu “Die Juden und die Konzentrationslager: Ein Tatsachenbericht vom Roten Kreuz

  1. SPORT IN AUSCHWITZ

    Sport in Auschwitz

    Geschrieben von Wolf Oschlies

    {Der Lagerschlagzeuger und füherer Fussballprofi Czeslaw Sowul. Quelle
    Zdzislaw Ryn, Stanislaw Klodzinski: Patologia sportu w obozie
    koncentracyjnym Oswiecim-Brzezinka (Pathologie des Sports im
    Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau), in: Przeglad Lekarski –
    Oswiemcim Nr. 1/ 1974, S. 46-58.}

    Die Sportsoziologie weiß es längst: Sport und schwere Arbeit passen
    nicht zusammen. Wer schwer arbeitet, hat in aller Regel weder Motivation
    noch Kondition, Sport zu treiben. Und dieser Normalfall präsentierte
    sich im KZ noch mehrfach verschärft: Schwerste Arbeit, unzureichende
    Ernährung, ständige Bedrohung, schlechteste Bedingungen für Hygiene und
    medizinische Betreuung etc. schufen keinen Rahmen, in dem Sport
    überhaupt vorstellbar gewesen wäre.

    So oder ähnlich hat es wohl auch die Forschung lange Zeit gesehen, da
    sie Sport im KZ mehr oder minder übersah. Dabei waren die Umstände, die
    für eine andere Sicht sprachen, von vornherein unverkennbar:

    * In jedem KZ wurde Sport getrieben – von den SS-Bewachern, was aber die
    grundsätzliche Präsenz sportlicher Infrastruktur ermöglichte.
    * Unter den Gefangenen fanden sich ausgesprochene Sportstars – nationale
    und internationale Meister, Olympiateilnehmer, Sportmediziner etc. -,
    die selber Sport treiben wollten oder sich in irgendeiner Weise zur
    Nutzung „anboten“.
    * Sport konnte für die Zwecke der KZ-Aufseher eingesetzt werden – als
    therapeutisches Mittel zur Wiedererlangung der Gesundheit und vollen
    Arbeitskraft von Häftlingen, zum Abbau von Spannungen unter den
    nationalen Gefangenengruppen etc.
    * Sport war als Disziplinierungsmittel aller Gefangenen tauglich.

    Es ist den Krakauer KZ-Forschern zu verdanken, schon vor dreißig Jahren
    auf die Zwiespältigkeit des KZ-Sports aufmerksam gemacht zu haben. Zum
    einen war der zwar Teil der Lagerkultur, trat jedoch hinter Poesie,
    Malerei, Musik etc. weit zurück. Zum zweiten erschien nicht nur
    Wissenschaftler Sportausübung im KZ als undenkbar, auch „viele Gefangene
    meinten, es habe im Hitlers Konzentrationslagern überhaupt keinen Sport
    gegeben“. Und zum dritten spielte sich der Sport im Lageralltag
    sozusagen in einer „Grauzone“ ab:

    „Der Lagersport (sport obozowy) fügte sich offenkundig in
    Auschwitz-Birkenau in keine Lagerordnung ein, er entsprang spontanen
    Bedürfnissen der Gefangenen, war prinzipiell verboten, gelegentlich aber
    wieder toleriert von der SS. Lediglich der sog. »Quasi-Sport« wurde von
    den SS-Aufsehern gern in Form brutaler Repression eingesetzt“.

    Mit anderen Worten: Den Sport gab es, weil die Gefangenen ihn wollten.
    Die SS-Bewacher nahmen ihn hin, weil sie entweder nichts Verdächtiges an
    ihm fanden oder ihn „gebrauchen“ konnten. Die Vielfalt sportlicher
    Interessen, Formen und Hilfsmittel ließ wiederum generelle
    Beschränkungen geraten zu sein – die sofort aufgehoben wurden, wenn man
    für sportliche Betätigung realen Bedarf hatte. Was hieß das praktisch?
    Aus Auschwitz wird folgende Episode aus dem Winter 1941 berichtet: Im
    sog. „Bauhof“ waren Hunderte Gefangene beschäftigt, die eines Tages
    ihren Arbeitsplatz völlig verschneit vorfanden. Die SS-Bewacher und
    Kapos kommandierten einfach „Hinlegen und rollen“, alle Gefangenen
    legten sich hin und rollten solange von einer Seite auf die andere, bis
    der Schnee zu einer festen Decke verdichtet war. Neu war dabei nur der
    unmittelbare Zweck einer Beseitigung von Wetterfolgen – die Kommandos
    und „sportlichen“ Übungen waren alltägliche Routine für die Gefangenen.
    Wie es genau mit dem Sport im KZ stand, wollten die Krakauer Forscher
    mittels ihrer bewährten Methode herausfinden: Sie schickten im Herbst
    1972 einen entsprechenden Fragebogen an 372 Auschwitz-Überlebende und
    bekamen 62 Rückantworten – „davon 60 positive und zwei negative“. Die
    Antworten, „rund 200 maschinenschriftliche Seiten“, wurden eigentlich
    nicht analysiert, wohl aber redigiert und mäßig kommentiert
    veröffentlicht – als facettenreicher und sehr persönlicher Rapport
    derer, die es wissen mußten.

    Relativ viele Antworten kamen aus der Psychiatrischen Klinik Krakau, wo
    Überlebende „im Zusammenhang mit Anträgen auf Kriegsinvalidenrente“
    behandelt wurden. Die Probanden erinnerten sich vor allem an den
    „Quasi-Sport“, also jene „gymnastischen Übungen“, die bei Appellen und
    ähnlichen Gelegenheiten von Hunderten und Tausenden Gefangenen auf
    Befehl ausgeführt werden mußten. Die Übungen trugen harmlose Namen –
    „Froschhüpfen“, „Rollen“, „Entengang“, „Bärengang“ etc. -, waren
    tatsächlich aber sadistische Quälerei. In Polen wurde vor über 30 Jahren
    der Film „Prawdziwy koniec wielkiel wojny“ (Das wahre Ende des großes
    Kriegs) von Jerzy Kawalerowicz sehr populär, der in langen Einstellungen
    diese „Übungen“ ins Bild setzte, die Gefangene bis zur völligen
    Erschöpfung ausführen mußten. Dabei war es letztlich egal, ob die
    Übungen „nur“ als Gymnastik oder gleich als Strafe – für „falsche
    Meldung“, für „schlechtes Bettenbauen“, für „Marschieren ohne Takt“ etc.
    – verordnet wurden. Ein häufiges Opfer waren z.B. die Frauen der
    Lagerküche in Birkenau, die Weihnachten 1943 von SS-Mann Franz dazu
    verurteilt wurden, mit schweren Steinen in den Händen „Froschhüpfen“ um
    das Küchengebäude zu machen. Wurde bei diesen Übungen die Kleidungen
    beschmutzt, was der Regelfall war, dann folgte die Fortsetzung der
    Schikane: „In zehn Minuten sauber und trocken melden!“ Darunter hatten
    vor allem ältere Häftlinge, „Zugänge“ und Geistliche aller Konfessionen
    zu leiden, für die sich SS-Männer – genannt wurden immer wieder
    „Rapportführer“ Palitzsch und Kurpanek, „Blockältester“ Adek Rozenberg
    u.a. – besondere Schikane ausdachten, indem sie etwa „Laufschritt“
    anordneten oder die Geistlichen bei der „Gymnastik“ noch Kirchenlieder
    singen ließen.

    Von diesen pseudo-sportlichen Aktivitäten völlig verschieden war der
    „richtige“ Sport, der manchmal und selten als Demonstration inszeniert
    wurde, etwa wenn Journalisten oder ausländische Beobachter ein KZ
    besuchten. Aus Theresienstadt sind solche Besuche verbürgt, in Auschwitz
    dürften sie äußerste Seltenheit gewesen sein. Allerdings fanden sich in
    Auschwitz zahlreiche bekannte Sportler, besonders in den Anfängen des
    Lagers, die auch in ihrer neuen Situation nicht auf sportliche
    Betätigung verzichten wollten. Das wurde mehr oder minder geduldet,
    gelegentlich auch direkt gefördert, wie zahlreiche Berichte über
    Wettkämpfe im Fußball und Boxen belegen. „Favorit“ war zweifellos der
    Fußball, da er dazu verhalf, die stets vorhandenen „Distanzen“ unter
    Gefangenen und zu den SS-Aufsehern wenigstens für eine kurze Zeit zu
    überwinden: Unter den kibicy (Zuschauern) SAßen oft auch SS-Männer. 1942
    wurden erste Spiele ausgetragen, 1943/44 gab es „beinahe regelmäßige
    Fußballturniere“. Das lag daran, daß sich „besonders nach der Niederlage
    bei Stalingrad die Lagerordnung spürbar erleichterte“: „Sogar im
    Krematorium wurde Fußball gespielt“, aber generell diente der große
    „Appellplatz“ als Fußballfeld.

    Die Spiele fanden meist am Sonntag statt und wurden von Teams mit neun
    (!) Spielern, manchmal auch nur sieben, ausgetragen: Torwart, zwei
    Verteidiger, drei Läufer und drei Stürmer. Überwiegend stellten die
    Arbeits-„Kommandos“ auch die Mannschaften, aber daneben kamen
    abenteuerliche Kombinationen zustande: „Krankenbau“ gegen „Block 15“,
    „alte Nummern“ gegen „Zugänge“, Polen gegen Deutsche (Österreicher,
    Franzosen, Russen) oder „jüdische Mannschaften“, und daß Kapos und
    Gefangene in einer Mannschaft spielten, war keine Seltenheit. Die SS
    schaute den Spielen interessiert zu, bedrohte aber gelegentlich den
    polnischen Tormann, wenn dieser bei Spielen gegen „deutsche“
    Mannschaften allzu gut hielt. Die Polen, wohlbestückt mit Starspielern
    der berühmten Vorkriegsklubs (Cracovia, Warta, Wisla, Ruch u.a.) waren
    so etwas wie der „Angstgegner“ der anderen „nationalen“ Teams, und der
    Schrei der meist polnischen Zuschauer „Polska gol“ wirkte auf die
    Spieler wie „Doping“. Unter den Spielern, alle ehemalige Profis, war mit
    Czeslaw Sowul (Bild) auch der Mann, der in allen Berichten von
    Auschwitz-Überlebenden stets mit Hochachtung und in vielen „Rollen“
    erwähnt wird: Er war Schlagzeuger im Lagerorchester und ein geborener
    Entertainer, der mit Witz und Schlagfertigkeit seine Mitgefangenen
    aufrichtete. Als früherer Fußballprofi des Klubs „Garbarna“ spielte er
    auch in Auschwitz weiter und war daneben berühmt wegen seiner
    parodistischen Imitationen von Boxkämpfen. Sowul, Häftlingsnummer 167,
    hat Auschwitz überlebt und später vor dem Auschwitz-Prozeß in
    Deutschland, 20. Dezember 1963 bis 20. August 1965, ausgesagt, jedoch
    nicht erlaubt, daß seine Aussage auf Tonband aufgenommen wurde. Warum
    nicht? Er wird seine Gründe gehabt haben. Boxen war die „zweite populäre
    Sportdisziplin“ im KZ Auschwitz. „Populär“ auch bei der SS, die mitunter
    an lebenden und durch Fesselung wehrlosen Gefangenen Boxschläge
    trainiert haben soll. Bei den Gefangenen selber ging es sportlicher zu,
    auch wenn die üblichen Gewichtsklassen nicht immer exakt eingehalten
    wurden. So konnte es geschehen, daß der Pole Kolczynski („Kolka“), vor
    dem Krieg Mitglied der polnischen Nationalstaffel, gegen einen
    konditionell und gewichtmäßig weit überlegenen Deutschen antreten mußte,
    was wie der „biblische Kampf David gegen Goliath“ anmutete. Aber „Kolka“
    war seinem Gegner boxerisch in allen Belangen überlegen.

    Ähnlich verfuhr der Boxer Tadeusz Pietrzykowski, der am 28. März 1941
    gegen den deutschen Kapo Walter antrat. Bereits in der zweiten Runde
    traf er den Gegner so machtvoll, daß dieser eigentlich kampfunfähig war.
    Pietrzykowski ging zum ihn und fragte: „Was ist los, Walter?“ Der
    antwortete „in derselben sportlichen Art“: „Alles ist in Ordnung“ und
    gab den Kampf auf. Später boxte Pietrzykowski noch siegreich gegen die
    Deutschen Meyer und Stein, der immerhin Ex-Europameister und Deutscher
    Meister war. Im März 1943 wurde er auf eigenen Wunsch ins KZ Neuengamme
    verlegt, was ihn vor Auschwitzer Gaskammern rettete.

    1944 kam es zu einem regelrechten „Nationenkampf“ Deutsche gegen Polen,
    den die Polen 18:2 gewannen. Die einzige Niederlage kassierte der
    berühmte Tadeusz „Teddy“ Sobolewski, der darüber so verärgert war, daß
    er von den Schiedsrichtern einen augenblicklichen zweiten Kampf
    forderte. Die Schiedsrichter hatten nichts dagegen, der deutsche Gegner
    auch nicht, so daß die Neuauflage sofort begann – die Teddy bereits in
    der ersten Runde durch k.o. für sich entschied. Insgesamt hat
    „Sobolewski in Auschwitz 37 Kämpfe ausgetragen und nur einen verloren –
    gegen Leo Sanders, einen holländischen Juden. Ähnlich erfolgreich war
    Antoni „Kajtek“ Czortek, der 1936 an der Olympiade in Berlin
    teilgenommen hatte. In Auschwitz boxten er und seine Kameraden um einen
    Kanten Brot, ein Stück Margarine, einen leichteren Arbeitsplatz etc.,
    und zwar in Kämpfen „na smierc i zycie“ (auf Tod und Leben). Unblutiger
    verliefen andere Wettkämpfe, etwa in der Leichtathletik (3000- bzw.
    100-Meter-Läufe, ausgetragen auf der „Hauptlagerstraße“, Hoch- und
    Weitsprung in eine 4 x 6 Meter Grube zwischen den Blöcken 20 und 21,
    Kugelstoßen etc.), im Handball, bei Schach- und Bridge-Turnieren (die
    Alfons Wrona in Block 14 ausrichtete), im Schwimmen und Turmspringen (in
    dem 1944 gebauten Feuerlöschteich, der 8 Meter breit, 25 Meter lang und
    ausreichend tief war) und anderes mehr.

    Eine große und wachsende Bedeutung hatte schließlich der „therapeutische
    Sport“ (sport leczniczy), zumal bei diesem Mediziner wie Dr. Vladimír
    Hanák, 1936 Mannschaftsarzt des tschechoslowakischen Olympiateams, ein
    entscheidendes Wort mitredeten. Dieser Sport wurde auch von den
    Funktionshäftlingen“ sehr geschätzt und der „Lagerälteste“ Bruno
    Brodniewitsch verpflichtete die Häftlinge dazu, z.B. die jungen
    Gefangenen der sog. „Maurerschule“. Bei der Schulung der Lagerfeuerwehr
    gehörte dieser Sport zum Lehrprogramm. Es handelte sich dabei um jede
    Art von prophylaktischen oder therapeutischen Übungen, von der Abhärtung
    gegen Kälte bis zur postoperativen Rehabilitierung, die die Gesundheit
    und Arbeitskraft der Gefangenen erhielten bzw. wiederherstellten. Die
    Gefangenen selber hatten daran das größte Eigeninteresse, denn allzu
    lange krank zu sein, vergrößerte die Gefahr, „ins Gas“ selektiert zu
    werden. Insofern war es verständlich, wenn Hanák und andere Fachleute
    regelrechte „Kurse“ organisierten, die von den Gefangenen eifrigst
    wahrgenommen wurden – als Mittel zur Eigen- und Kameradenhilfe.

    _Autor_: Wolf Oschlies

    _Literatur_

    Benz, Wolfgang / Hermann Graml /Hermann Weiß: Enzyklopädie des
    Nationalsozialismus, München 1997.

    Benz, Wigbert / Bernd Bredemeyer / Klaus Fieberg: Nationalsozialismus
    und Zweiter Weltkrieg. Beiträge, Materialien Dokumente. CD-Rom,
    Braunschweig 2004.

    Gutman, Israel / Eberhard Jäckel / Peter Longerich (Hrsg.): Enzyklopädie
    des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.
    München 1998

    Orth, Karin: Die Konzentrationslager der SS. Sozialstrukturelle Analysen
    und biografische Studien. Göttingen 2000.

    Orth, Karin: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager.
    Hamburg 1999.

    Schwarz, Gudrun: Die nationalsozialistischen Lager. Frankfurt am Main 1996.

    Sofsky, Wolfgang: Die Ordnung des Terrors – Das Konzentrationslager,
    Frankfurt a.M. 1993

    Zdislaw Ryn, Stanislaw Klodzinski: Smierc i umiranie w obozie
    koncentracyjnym (Tod und Sterben im Konzentrationslager), in: Przeglad
    Lekarski – Oswiecim Nr. 1-3/1982, S. 56-90

    Zdzislaw Ryn, Stanislaw Klodzinski: Patologia sportu w obozie
    koncentracyjnym Oswiecim-Brzezinka (Pathologie des Sports im
    Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau), in: Przeglad Lekarski –
    Oswiemcim Nr. 1/ 1974

    Anmerkungen

    1)Nach Zdzislaw Ryn, Stanislaw Klodzinski: Patologia sportu w obozie
    koncentracyjnym Oswiecim-Brzezinka (Pathologie des Sports im
    Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau), in: Przeglad Lekarski –
    Oswiemcim Nr. 1/ 1974, S. 46-58

    Quelle: [http://www.shoa.de/content/view/236/234/]

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